Furcht und Elend des Maidan, oder: Was Olaf Scholz begrüßt, wenn er "Slawa Ukraini" sagt

Von Dagmar Henn

In München gibt es eine Gasse, die im Volksmund den Namen "Drückebergergasserl" trägt. Der offizielle Name lautet Viscardigasse. Den inoffiziellen erhielt sie nach 1933, als die Nazis die Feldherrnhalle zu einer Art Heiligtum machten, weil der gescheiterte Putschversuch zehn Jahre zuvor, an dem Adolf Hitler beteiligt war, mit einem Marsch auf dieses Denkmal endete.

Vor der Feldherrnhalle stand bis 1945 eine "Ehrenwache", und wer an dieser vorüberkam, wurde mit "Heil Hitler" angerufen und musste mit "Sieg Heil" antworten. Wer das nicht tat, wurde sofort angegriffen. Die Viscardigasse verbindet die zwei Straßen, die links und rechts der Feldherrnhalle verlaufen, und ist eine einfache Möglichkeit, die Feldherrnhalle zu umgehen; dass die Gasse danach benannt wurde, zeigt, dass sie gerne genutzt wurde.

Immer, wenn deutsche Politiker, wie zuletzt Bundeskanzler Olaf Scholz, die ukrainische Losung "Slawa Ukraini" verwenden, muss ich an das Drückebergergasserl denken. Denn eigentlich besteht auch diese Losung aus zwei Teilen; auf das "Slawa Ukraini" wird die Antwort "Gerojam Slawa" eingefordert, und es ist kein Zufall, dass das an genau die Abfolge erinnert, die bei "Heil Hitler – Sieg Heil" zu finden ist.

Ganz und gar kein Zufall. Und zwar nicht nur, weil diese Losung nach dem deutschen Vorbild gebaut wurde, sondern auch, weil sie genau auf die Funktion zielte, die ihr deutsches Vorbild hatte. Wer Berichte aus dem Frühjahr 1933 liest, findet darin, dass die SA damals Menschen auf der Straße anhielt und die Antwort auf diese Losung einforderte, und dass jeder, der nicht wie vorgesehen antwortete, auf der Stelle mit Schlägen rechnen musste. Die Verwendung des Hitlergrußes wurde den Deutschen regelrecht eingeprügelt. Zehn Jahre später war das natürlich nicht mehr sichtbar; der Gewaltakt, der die alltägliche Unterwerfung einbrennen sollte, hatte sich so weit normalisiert, dass er gewöhnliche Grüße wie "Guten Tag" oder "Grüß Gott" weitgehend ersetzt hatte. Was aber am grundsätzlichen Charakter nichts änderte.

Der ukrainische Spruch, der, um seinen historischen Ursprung kenntlicher zu machen, besser mit "Heil der Ukraine – den Helden Heil" übersetzt werden sollte, ist nichts, das je über die Lippen eines deutschen Politikers kommen sollte. Es gab 2014, kurz nach dem Maidan-Putsch, Berichte aus Kiew, nach denen die Maidan-Anhänger, allen voran der Rechte Sektor, auf Straßen und Plätzen standen, Menschen anhielten, ihnen "Heil der Ukraine" zuriefen und wenn nicht die richtige Antwort erfolgte, "den Helden Heil" nämlich, übergangslos zuschlugen. Das wurde in den westlichen Medien natürlich nicht berichtet. Ich wusste das damals auch nicht aus russischen Medien, sondern aus Nachrichtenportalen ukrainischer Antifaschisten, und es lief mir kalt den Rücken hinunter bei dieser Lektüre.

Nicht nur an diesem Punkt wirkte die Entwicklung in der Ukraine nach dem Putsch wie eine Reinszenierung des Deutschlands von 1933. Es gab auch Videos, in denen örtliche Parlamente gestürmt wurden und die Schläger des Rechten Sektors einfach die Sitzung übernahmen. Aber es gab nicht die mindeste Aufmerksamkeit in Deutschland für all diese überaus erkennbaren Ereignisse. "Slawa Ukraini" begleitete auch den Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa. Ein weiteres Ereignis, das nie wirklich wahrgenommen wurde.

Die Losung diente dazu, Freund und Feind zu scheiden. Sie wurde zur Folter genutzt – im Mai 2014, nach dem blutigen Überfall auf Mariupol, wurde ein junger Streamer, der gefilmt hatte, wie die Nationalgarde blindlings in die Menge geschossen hatte, gefangen genommen, und zwei Tage später erschien ein Video, in dem er mit zerschlagenem Mund seine "Verbrechen" gestand, sich für sie entschuldigte und dann mit "Slawa Ukraini" schloss. Er kam übrigens frei und war bald darauf in den Reihen der Donbass-Miliz zu finden.

Niemand weiß, wie viele andere in dieser Zeit wo verschwunden sind. Manchmal wurden Herausgeber unbequemer Zeitungen im Wald tot aufgefunden. Es gab eine eigenartige Welle von "Selbstmorden" unter Politikern der Partei der Regionen, die sich gelegentlich auch selbst in den Hinterkopf schossen. Das wirkliche Ausmaß all der Schrecken, die nach dem Putsch die Ukraine überzogen, wird erst bekannt werden, wenn der ganze Spuk vorüber ist; aber das, was da geschah, war Fleisch vom Fleische des deutschen Jahres 1933, Geist von seinem Geiste, mit allen grauenvollen Details. Und über all das tönte der Ruf "Slawa Ukraini".

Regierungssprecher Steffen Hebestreit erwiderte am 13. Juni dieses Jahres auf die Nachfrage des Journalisten Florian Warweg, auf die Frage, warum Scholz eine Rede mit dieser Formel beendet habe:

"Ich glaube, man muss so etwas immer im Kontext sehen. Das ist ein Ruf, der nach dem brutalen russischen Angriffskrieg, dem Überfall auf die Ukraine, diese Würdigung und auch diesen Ruf erhalten hat, der sich an eine freie, demokratische und auch europäische Ukraine wendet. Ich weiß, dass es die alte historische Konnotation auch gegeben hat, aber da hat sich der Kontext doch massiv gewandelt."

Die "freie, demokratische und auch europäische Ukraine", die war spätestens seit 2014 eine Illusion, die nur durch ein verschwörerisches Schweigen aufrechterhalten werden konnte. Niemand, der die Videos gesehen hat, in denen die faschistischen Truppen Mordtaten zelebrierten, die sie auch noch begeistert im Internet teilten (eines der ersten zeigte die Erhängung eines Polizisten), oder die Berichte über Folterungen gehört hat, die auch durch die SBU erfolgten, ganz offiziell gewissermaßen, konnte diese Behauptung glauben. Einer der ersten Akte der Putschregierung bestand darin, die Nazitrupps, die am Maidan beteiligt waren, in die Nationalgarde zu integrieren. Auch das nach dem Drehbuch von Deutschland 1933 – der Terror der Nazis konnte sich unter anderem dadurch so ungehemmt entfalten, weil die Mitglieder der SA zu Hilfspolizisten ernannt wurden.

Das ist es, wofür "Slawa Ukraini" steht. Es gibt übrigens auch einige ukrainische Antifaschisten, die nach Deutschland geflüchtet sind, 2014 und danach. Die jetzt hören müssen, wie der deutsche Regierungschef die Losung ihrer Peiniger wiederholt. In der echten Welt, in der das Grauen, das die Ukraine nach dem Putsch und bis heute überzog, nicht geleugnet wird, gibt es keinen "brutalen russischen Angriffskrieg".

In der echten Welt steht es um die Ukraine nicht anders, als es um Deutschland in den Jahren von 1933 bis 1945 stand; es ist ein gequältes Land, dessen Qual vom Westen gefördert und aufrechterhalten wird, das sich von dieser Qual aber ebenso wenig selbst befreien kann, wie wir Deutschen das damals konnten. Dass es viele Ukrainer gibt, die ihr "Heil der Ukraine" mit Begeisterung und aus freiem Willen schreien, ändert daran nichts, so wie die vielen, die "Heil Hitler" riefen, nichts daran änderten, dass das Ende der Naziherrschaft eine Befreiung war. Auch die Deutschen haben sich gehorsam dazu bringen lassen, gegen ihre eigene Befreiung zu kämpfen, und zu Millionen die Massengräber gefüllt. Das ändert nichts daran, dass das Ende der Naziherrschaft eine Befreiung war. So wie das Ende der heutigen Ukraine, gleich, welche Gestalt sie dann haben wird, eine Befreiung darstellen wird.

"Slawa Ukraini", das ist nicht nur eine Verharmlosung der ukrainischen Nazikollaborateure, der Mörder des Pogroms von Lemberg. Der Kontext hat sich eben nicht gewandelt, der Spruch steht heute für genau das, wofür er 1941 stand, oder während des banderistischen Terrors in der sowjetischen Ukraine bis 1956, oder vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa 2014.

"Wenn Sie sich in der Welt umschauen, sehen Sie, dass es sehr, sehr viele sind – auch westliche Führerinnen und Führer –, die diesen Ruf benutzen, auch im Angedenken des tapferen Widerstands, den die Ukrainer gegen den russischen Aggressor leisten."

Ja, tapferer Widerstand dagegen, in die Welt zurückzukehren, in der die Regeln der Menschlichkeit herrschen. Die "westlichen Führerinnen und Führer" (in diesem Zusammenhang hat es eine besonders bizarre Note, dass Hebestreit von "Führerinnen" redet) äußern damit nur ihr Einverständnis mit der ukrainischen Barbarei, wie eine Heerschar von Oswald Mosleys und Philippe Pétains, denen es nicht schnell genug gehen kann, Furcht und Elend in ihr eigenes Land zu holen.

Das wäre eine angebrachte Lektüre für Hebestreit wie für Scholz, "Furcht und Elend des Dritten Reiches" von Bertolt Brecht, nur, um festzustellen, ob sie noch wiedererkennen, was sie lesen. Aber das werden sie ebenso wenig tun, wie wahrzunehmen, was die heutige Ukraine wirklich darstellt, oder gar anzuerkennen, dass sie es sind, die eine Befreiung nach Kräften verhindern. Es reißt sie hin, die Losung der Mörder von Odessa aufzugreifen. Möge sie in ihrem Mund zu Asche werden.

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