Sind Sie bereit für einen Atomkrieg?

Eine Analyse von Tarik Cyril Amar

Vor kurzem haben die Präsidenten Russlands und der USA direkte Gespräche geführt – etwas, das sie viel zu selten tun. Auch wenn die Ergebnisse daraus wenig spektakulär waren, entstand ein Gefühl, dass das Säbelrasseln einer tatsächlichen Diplomatie auf hohem Niveau gewichen ist. Vor diesem Hintergrund hat sich jedoch ein einflussreicher US-Senator wie eine beleidigte Leberwurst hervorgetan.

Senator Roger Wicker ging vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit mit dem Rat an US-Präsident Joe Biden, sich seine Optionen in Bezug auf die Ukraine offen zu halten. Er schlug Biden vor, nicht nur den Einsatz konventioneller militärischer Gewalt in Betracht zu ziehen, sondern möglicherweise auch das Atomwaffenarsenal des Landes einzusetzen.

Wickers Vorschlag hat Proteste hervorgerufen. Auch seitens der russischen Botschaft in Washington. Der Senator hat seine Worte jedoch nicht zurückgenommen. Er ruderte nur ein wenig zurück und versuchte offensichtlich, die Wirkung seiner Aussagen abzuschwächen, während er an dem, was er gesagt hatte, festhielt. Wir könnten seinen bizarren Ausfall als einen weiteren Versuch eines amerikanischen Konservativen abtun, ein einheimisches Publikum mit einem scheinbar unstillbaren Appetit auf aggressive Rhetorik gegenüber Russland anzusprechen.

Es gibt jedoch zwei Gründe, warum dieser Vorfall nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Zum einen ist Wicker kein kleiner Hinterbänkler. Er ist ein hochrangiger Senator aus Mississippi und das zweitwichtigste Mitglied des Ausschusses der Streitkräfte des Senats. Zweitens hat er sich nicht auf Allgemeines beschränkt, sondern hat zwei äußerst beunruhigende Vorschläge konkretisiert. Erstens sollten die USA bereit sein, Atomwaffen gegen Russland einzusetzen, und zweitens sollten sie bereit sein, sie als Erste einzusetzen.

Für einen Erstschlag gegen Russland bereit zu sein, hat jedoch klare Implikationen. Möglicherweise kümmert es Wicker nicht, was seine Worte bedeuten. Abgesehen von der gewünschten Wirkung auf bestimmte Wählersegmente. Aber lassen Sie uns dem Senator im Zweifelsfall zustimmen und annehmen, dass er eine Idee geäußert hat, die über reine Demagogie hinausgeht, wenn es um einen Atomkrieg geht.

In diesem Fall gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Wicker glaubt, dass ein groß angelegter globaler Atomkrieg um die Ostukraine nicht ausgeschlossen werden sollte. Denn ein solcher könnte ohne weiteres auf einen nuklearen Angriff durch die USA folgen. Oder, wenn wir Wicker noch einmal im Zweifelsfall zustimmen und davon ausgehen, dass er nicht bereit ist, den ganzen Planeten einschließlich der USA wegen eines – bei allem Respekt vor der Ukraine – vergleichsweise begrenzten Konflikts aufs Spiel zu setzen, dann bleibt nur noch eine Möglichkeit übrig: Er muss glauben, dass Washington einen begrenzten Atomkrieg beginnen, führen und vermutlich gewinnen könnte.

Das ist eigentlich das Beängstigendste an dem Gedöns des Senators. Leider ist diese wahnsinnig gefährliche Vorstellung unter US-amerikanischen Politikern populär geworden.

Anfang 2020 führte Washington nicht nur eine Übung durch, um einen solchen begrenzten Atomkrieg mit Russland zu simulieren, sondern legte zudem Wert darauf, die Weltöffentlichkeit ungewöhnlich detailliert darüber zu informieren. Nach der Indienststellung neuer Atomwaffen mit vergleichsweise geringer Sprengkraft war die Botschaft klar: Das Pentagon glaubt, dass es möglich ist, einen Atomkrieg zu führen und natürlich zu gewinnen, der begrenzt genug bleibt, um diese extreme Option realisierbar zu machen.

Senator Wickers Äußerungen waren die jüngste und besonders offenkundige Erinnerung daran, dass die Vorstellung von einem begrenzten Atomkrieg eine beunruhigende Anziehungskraft ausübt. Ihre Wurzeln reichen aber tief zurück in den Kalten Krieg. In den 1970er-Jahren begann die US-amerikanische Regierung systematisch darüber nachzudenken, ob es eine Möglichkeit gebe, die Sowjetunion ohne selbstmörderische Eskalation mit Atomwaffen zu bekämpfen.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass in der Sowjetunion des Kalten Krieges nicht ähnliche Ideen im Umlauf waren. Ebenso wie es auch heute naiv wäre zu glauben, dass nur Washington über ein solches Konzept nachdenkt. Tatsächlich behaupten die USA natürlich, dass sie dies nur als Reaktion auf entsprechende russische Schritte tun. Wie so oft ist es sinnlos herauszufinden, wer hiermit angefangen hat. Entscheidend ist, dass es eine internationale Dynamik gibt, die Nuklearmächte – große und kleine – dazu antreibt, die Option eines begrenzten Einsatzes ihrer schrecklichsten Waffen zu prüfen.

Dieser Trend birgt zwei offensichtliche Gefahren. Erstens kann sie politische und militärische Befehlshaber dazu verleiten, herunterzuspielen und zu unterschätzen, was jeder, selbst ein nicht ganz apokalyptischer Einsatz von Nuklearwaffen bedeuten würde, nämlich massenhafte Verluste an Menschenleben und große, dauerhafte Schäden an der Biosphäre, deren Zustand sich bereits in Friedenszeiten zusehends verschlechtert. Modellierungen zeigen, dass selbst ein vergleichsweise "kleiner" Atomkrieg etwa zwischen Indien und Pakistan, globale Klimafolgen haben würde. Experten sind sich nicht einig, ob die Folgen gravierend genug wären, um einen nuklearen Winter auszulösen. Aber es besteht kein Zweifel, dass sie schwerwiegend sein werden.

Die Vorstellung eines begrenzten Atomkrieges ist für anmaßende Politiker eine schreckliche Versuchung. Sie basiert auf der Akzeptanz eines "kleineren Übels", das in Wirklichkeit ein enormes wäre. Zudem fördert sie die fatale Illusion einer vermeintlichen Kontrolle, durch die eine tiefe, gesunde Angst untergraben wird, die jeden erfassen sollte, wenn er sich den Einsatz von Atomwaffen vor Augen führt. Senator Wickers Torheit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich ein moralischer und intellektueller Trugschluss ausbreitet. Dies sollte von uns allen als Warnung verstanden werden.

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RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul, befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik. Er twittert unter @tarikcyrilamar

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