Russlands Plan im Ukraine-Konflikt für den kommenden Sommer

Von Sergei Poletajew

Von Zeit zu Zeit kommt die Frage auf, warum Russland in der Ukraine nicht entschiedener vorgeht und warum es an der Front scheinbar nur langsam voranschreitet. Einige sagen, dies geschehe aus einer militärischen Schwäche heraus, andere vermuten geheime Vereinbarungen mit dem Westen. Es scheint für jeden Geschmack eine Theorie zu geben.

In Wirklichkeit ist die Antwort aber völlig glasklar. Für das laufende und für das kommende Jahr hat Russland etwa fünf bis sechs Prozent des BIP für den Ukraine-Konflikt veranschlagt. Die Aufgabe des Kremls besteht nun darin, diese vergleichsweise geringen Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen. Die Absicht ist, die Ziele der Militäroperation in der Ukraine ohne eine erneute Mobilisierung zu erreichen und gleichzeitig nicht nur eine funktionierende Wirtschaft, sondern auch die Stabilität im Land zu bewahren.

Obwohl die Frontlinie seit Herbst 2022 weitgehend statisch geblieben ist, haben sich die politische Lage und die Umstände, unter denen der Konflikt voraussichtlich enden wird, radikal verändert – zu Gunsten Russlands. Mit geringem Risiko und relativ geringem finanziellen Aufwand setzt sich Präsident Wladimir Putin langsam aber sicher durch.

Nicht abwarten, sondern vorbereiten

Immer häufiger wird von einer bevorstehenden russischen Offensive gesprochen. Wie bei der ukrainischen "Gegenoffensive" vor einem Jahr, behaupten Beobachter, genau zu wissen, wo diese stattfinden wird (in Richtung Charkow oder Sumy), wann sie stattfinden wird (im Mai oder Juni), und sie sind sich bereits sicher, dass diese Gegenoffensive für den Konflikt entscheidend sein wird. Allerdings sieht es so aus, als ob der Kreml im kommenden Sommer keinen großen Marsch auf die zweitgrößte Stadt der Ukraine antreten will. Und dafür gibt es Gründe.

Erstens mangelt es an Erfahrung mit militärischen Operationen dieser Größenordnung. Wir reden hier von einer Operation in der Größenordnung von jenen an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg. Eine vergleichbare Operation wurde im aktuellen Feldzug bisher noch nicht durchgeführt. Der 22. Februar 2022 zählt dabei nicht, da der Gegner erstens nicht vollständig mobilisiert war und zweitens eine Frontlinie nicht wirklich existierte. Somit bestand keine Notwendigkeit, eine Front zu durchbrechen. In jedem Konflikt nimmt der erforderliche Umfang für Angriffsoperationen stetig zu. Es müssen die geeigneten Waffen beschafft, die strategischen und taktischen Techniken entwickelt und Offiziers- und Stabskorps gebildet werden. Ein Sprung, der erforderlich wäre, um nach der fünfmonatigen Operation zur Eroberung von Awdejewka zu einer schnellen und erfolgreichen Besetzung von Charkow oder Sumy überzugehen, bleibt unvorstellbar.

Auch sind die erforderlichen Kräfte und Mittel noch nicht vorhanden. Ja, Russland hat Reserven von etwa 150.000 bis 170.000 Mann. Ja, jeden Monat melden sich in Russland mehr Freiwillige zum Militärdienst, als die Greifer der ukrainischen Rekrutierungsbüros in Kneipen und auf der Straße erwischen können, was bedeutet, dass die Mannschaftsstärke auf Seiten Russlands stetig zunimmt. Aber eine Masse von Soldaten ist noch lange keine Armee. Sie müssen bewaffnet, ausgerüstet, ausgebildet und unter das Kommando von erfahrenen Offizieren gestellt werden. Mannschaftsstärke, Ausrüstung, Munition, Flug- und Fahrzeuge und viele weitere Dingen sind es, die eine Armee bilden.

Der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu hat erklärt, dass die Bildung von zwei neuen Armeekorps bis Ende 2024 abgeschlossen sein wird. Die russischen Streitkräfte werden also erst in acht bis neun Monaten ihre Höchstform erreichen. Erst dann sind die Voraussetzungen für die Eröffnung einer zweiten Front geschaffen. Was aber ist mit dem kommenden Sommer? Sofern die ukrainische Front nicht plötzlich zusammenbricht, werden wir wahrscheinlich einen langsamen und maßvollen russischen Vormarsch erleben, mit einem Kampf um jedes Feld und jedes Dorf, verbunden mit Luftangriffen tief hinter den ukrainischen Linien.

Trotz immer ausgefeilterer ukrainischer Gegenangriffe wird ein solches Szenario die Ukrainer viel schneller erschöpfen als Russland. Dies bedeutet, dass sich das Kräfteverhältnis bis zum Jahresende oder bis zum nächsten Sommer noch stärker zu Gunsten Russlands verschieben wird. Zumindest sind dies die Berechnung des russischen Generalstabs. Sollten die ukrainischen Streitkräfte in der Zwischenzeit im Donbass, in der Region Charkow oder in Saporoschje plötzlich ins straucheln geraten, werden die Reserven, die Russland bereits in der Zone hat, ausreichen, um an diesen Frontabschnitten erfolgreich vorzustoßen.

Gleichzeitig besteht die Möglichkeit dass im Frühjahr und Sommer operative Offensivoperationen mittlerer Intensität durchgeführt werden. Insbesondere dann, wenn sich die ukrainische Armee stärker überdehnen sollte als bereits jetzt. Dies ist nicht nur eine Test und eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, sondern im Erfolgsfall auch eine Demonstration gegenüber dem Gegner, dass die russische Armee weiß, wie man eine Offensive lanciert; dass sie genau weiß, was zu tun ist, und es bei Bedarf wiederholen kann.

Im Westen breitet sich allmählich die Meinung aus, dass die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen kann. Daher geht es in der westlichen Debatte nun darum, ob man mit Moskau verhandeln oder sich direkt an den Kampfhandlungen auf Seiten der Ukraine beteiligen soll. Gleichzeitig schleicht sich sich in diese Debatte die Meinung, dass Russland gar nicht angreifen könne und dass die russische Armee erschöpft sei.

Wenn die Bildung der oben erwähnten neuen Armeekorps abgeschlossen ist und beschlossen wird, diese an die ukrainische Grenze zu verlegen, wird in der Ukraine und im Westen umgehend die Panik vor einer zweiten Front ausbrechen die sich auftun könnte, und dies allein könnte ein entscheidender Faktor sein. Russland wird den Westen dadurch vor eine Wahl stellen: Entweder die russischen Bedingungen zu akzeptieren – Abrüstung und Neutralität der Ukraine sowie andere Sicherheitsgarantien. Oder sich auf eine zweite Front einzustellen, für die Russland viel besser vorbereitet ist als die Ukraine oder der gar der Westen. Mit anderen Worten: Wenn ihr euch uns gegenüber nicht gut stellt, werden wir uns mit Gewalt nehmen, was wir wollen.

Wenn die Wünsche nicht mit den Chancen übereinstimmen

Natürlich wird der Westen nicht tatenlos zusehen, wenn Russland dazu ansetzt seinen Willen durchzusetzen. Doch nach dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive im vergangenen Jahr gibt es keine klare Strategie darüber, wie Moskau zurückgedrängt und besiegt werden könnte.

Schlimmer noch: Die politische Kluft in den westlichen Ländern hat ein solches Ausmaß angenommen, dass es an der Zeit ist, nicht über die Strategie des Westens als Ganzes zu sprechen, sondern über die Solidarität der globalistischen Eliten, die auf wachsenden Widerstand stoßen, sowohl in ihren eigenen Ländern, als auch im globalen Süden. Daher fällt es dem Westen schwer, sich auf eine Strategie zu einigen und diese umzusetzen.

Aber worüber reden wir genau? Vergangenen Herbst wurde beschlossen, dass das Ziel der Ukraine für das Jahr 2024 darin bestehen soll, zu halten, zu bauen und zuzuschlagen – das heißt, die Front aufrechterhalten, Verteidigungsanlagen bauen und die Russen so schmerzhaft wie möglich mit Artillerieangriffen einzudecken. Gleichzeitig soll die ukrainische Armee wieder aufgebaut und auf entscheidende siegreiche Schlachten im Jahr 2025 vorbereitet werden – spätestens dann wird ein erschöpftes Russland um Waffenstillstand bitten müssen, so die Vorstellung.

Der erste Teil dieses Ziels wurde erreicht und hält bis heute stand, angesichts der Tatsache, dass Russland nirgendwo an der Front entscheidend vorankommt. Beim zweiten Teil hingegen sieht es für die Ukraine nicht so gut aus. Aufgrund politischer Auseinandersetzungen und allgemeiner Knappheit an Waffen und Munition reichen die Lieferungen aus dem Westen für den aktuellen Bedarf der ukrainischen Streitkräfte nicht aus. Obwohl die Lage in der Ukraine nicht so katastrophal ist, wie es die professionellen Trauerredner in der westlichen Presse jeden Tag behaupten, verschlechtert sie sich langsam aber sicher zunehmend. Mit anderen Worten: Bisher läuft alles nach Russlands Plan und nicht nach dem des Westens – die ukrainische Armee wird von Tag zu Tag, von Woche zu Woche schwächer, nicht stärker.

Zu den Problemen mit den Waffen und der Munition kommt noch ein weiteres hinzu: Der Ukraine gehen langsam die Soldaten aus. Verschiedenen Schätzungen zufolge haben während des Konflikts bis zu 1,5 Millionen Menschen die ukrainischen Streitkräfte durchlaufen. Anfangs bestand sie aus denen, die kämpfen wollten oder zumindest nicht dagegen waren. Heute sieht das anders aus. Versuche, die Zahl der Rekruten für die ukrainische Armee zu erhöhen, werden mit Sabotage beantwortet, sowohl von besorgten Männern, die sich massenhaft vor den Rekrutierern verstecken, als auch von Abgeordneten im Parlament, die seit vergangenem Herbst über einen Gesetzentwurf zur Ausweitung der Mobilmachung beraten haben. Vergangene Woche wurde das Gesetz im ukrainischen Parlament nun verabschiedet, harrt aber noch der Unterzeichnung durch Selenskij.

Verunsichert durch die Misserfolge der Ukraine im vergangenen Jahr, zögert der Westen nun, weitere Waffen bereitzustellen, solange die Ukrainer selbst nicht kampfbereit sind. Ein Teufelskreis. Vor diesem Hintergrund betrachtet wirkt der zweite Teil des grandiosen Plans, im nächsten Jahr eine Wende an der Front herbeizuführen wie eine Bequemlichkeit im Stil von "nächsten Montag fange ich ein neues Leben an." Von einer Erhöhung der westlichen Hilfen an die Ukraine für das Jahr 2025 ist keine Rede mehr. Selbst die Beibehaltung der aktuellen Hilfen und der Mittel für den ukrainischen Haushalt – rund 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr – steht ernsthaft in Frage.

Der Kreml ist sich all dessen bewusst und treibt daher die Kosten für den Westen weiter in die Höhe. Durch Angriffe gegen den Energiesektor ist die Ukraine von einem Land, das Strom exportiert hat, zu einem Land geworden, das Strom aus der Europäischen Union beziehen muss und große Investitionen für den Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke benötigt – natürlich alles auf Kosten des Westens. Die Angriffe gegen Gasspeicher in der Westukraine erhöht zudem das Risiko einer Gasknappheit während der Heizperiode im kommenden Winter.

Wie schon oft gesagt wurde, steht der Westen an einem Scheideweg: Entweder er zieht dem Konflikt den Stecker und verhandelt mit Russland, oder er erhöht den Einsatz und zieht selbst in den Krieg. Zu Letzterem hat der französische Präsident Emmanuel Macron kürzlich einen Testballon steigen lassen um zu sehen, wie in der öffentlichen Meinung der Wind weht. Die Reaktionen sowohl innerhalb Frankreichs selbst als auch unter NATO-Mitgliedern mit zumindest einigermaßen funktionierenden Armeen hat jedoch gezeigt, dass es in absehbarer Zukunft keine nennenswerten westlichen Truppen in der Ukraine geben wird.

Angesichts dieses Scheidewegs war der Westen nicht in der Lage, sich für den einen oder anderen Weg zu entscheiden. Stattdessen ist er stehen geblieben und sieht nun zu, wie die Ukraine langsam verliert. Es lohnt sich daher abzuwarten, ob auf dem NATO-Gipfel im Juli grundlegende Entscheidungen getroffen werden oder ob der US-Kongress in der Lage sein wird, für die Ukraine frisches Geld aufzutreiben. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, ob dieses Geld dem Land tatsächlich helfen und nicht nur seine Qual verlängern würde. Zudem bleibt abzuwarten, ob Kiew das Problem der Mobilisierung lösen kann, ohne dass es im Hinterland zu Unruhen kommt. Aber vor allem lohnt es sich abzuwarten, ob der Westen eine kohärente Strategie vorlegen kann, die den Kreml dazu zwingt, Risiken einzugehen.

Wenn nicht, kann Moskau, wenn alles so weitergeht wie bisher, einfach darauf warten, dass ihm die Ukraine wie eine überreife Frucht in die Hände fällt. Moskau hat dafür mindestens ein paar Jahre Zeit. Aber wie viel Zeit hat Kiew?

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Aus dem Englischen.

Sergei Poletajew ist Mitbegründer und Herausgeber des Vatfor Project.

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