Pseudo-Debatte zum „Indianer-Kostüm“: Niemand hat ein Verbot gefordert

Fakten zu den „Indianer“-Kostümen

Wieder einmal ist die BILD schuld. Und auch die Hamburger Morgenpost. Ihnen lag mehr an einer Schlagzeile, über die sich ihre LeserInnen aufregen können, das war wichtiger als die Wahrheit. Wie BILDBlog berichtet, hat die Boulevard-Zeitung „Erste Kita verbietet Indianer-Kostüme“ getitelt.

"Erste Kita verbietet Indianer-Kostüme", ruft "Bild" heute auf Seite 1 und jagt damit den Blutdruck der Leserschaft in…

Gepostet von BILDblog am Mittwoch, 6. März 2019

An dieser Schlagzeile sind bereits mehrere Sachen falsch, was man sogar im Text selbst erfährt. Doch viele andere Medien haben diese falsche Darstellung kolportiert, wie erwähnt die Mopo, aber auch FocusinFranken, Heute.at, Nordkurier u.v.m.. Aber auch rechte Blogs wie Tichys Einblick entstellen die Realität mit „Umerziehung ganzjährig: Indianerkostüme verboten“ (Quelle).



Viel empörung, wenig ahnung

Keine dieser Schlagzeilen und auch viele Artikel, die darauf folgten, basieren noch auf der Realität oder sie entfernen sich immer weiter davon. Das ist ein Problem. Da wir als Gesellschaft gerade eine Debatte über „Indianer“-Kostüme führen, und ob diese verboten werden sollen. Da werden Meinungsartikel geschrieben, die sich darüber aufregen, andere, in welchen sich Menschen indigenen Ursprungs zu Wort melden (Quelle). Dabei hat niemand ein Verbot gefordert.

1.  Es gab niemals ein Kostüm-Verbot

Es ist ein wenig merkwürdig, dass solche – in der Sache wirklich falschen – Schlagzeilen derart eine Debatte dominieren. Niemand hat ein „Verbot“ geäußert, nie. Zumindest nicht die Kita „Elbkinder“, um die es geht. Die hat nur eine Bitte ausgesprochen (Quelle).

Die Kita-Leitung hat einfach nur darum gebeten, „bei der Auswahl des Kostüms darauf zu achten, dass durch selbiges keine Stereotype bedient werden“. Und hat dabei „‚Indianer‘, ‚Scheich‘ oder ähnliches“ als Beispiel aufgezählt. Ich empfehle dringend das Lesen der gesamten Stellungnahme, bevor man sich zum Thema äußert. Hier ein Ausschnitt:

Das Projekt erkennt an, dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren, es soll aber sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, z.T. sogar entwürdigend sein können. Einen solch sensiblen Umgang mit Stereotypen erwarten wir von allen unseren Kitas; wie sie das an Fasching einbeziehen, ist aber doch sehr unterschiedlich und bleibt den einzelnen Kitas überlassen.

Verkleidungen an Karneval basieren auf Stereotypen und das gehört zum Feiern dazu. Außerdem ist es wichtig zu unterscheiden, wie Kinder und wie Erwachsene Fasching feiern: bei dem öffentlich in den Medien sichtbaren Karneval geht es oft um Kritik an Politikern oder anderen öffentlichen Personen und meist geht es dabei ziemlich derb zu. Für Kinder ist Fasching aber eine Gelegenheit, sich in jemanden zu verwandeln, den sie als Held sehen und der sie selbst gerne sein möchten. Über die von der Kita gewählten Beispiele „problematischer“ Kostüme kann man deshalb durchaus streiten.

Darin steht auch dieser Satz:

Und natürlich wären Kinder, die doch als Indianer oder Scheichs verkleidet zum Fasching gekommen wären, genauso willkommen gewesen.

2. Es waren nur zwei (!) KitaS

Wie oben erwähnt handelt es sich um die Bitte einer Hamburger Kita, die sich dabei auch noch auf die Broschüre „Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ bezieht (Später mehr dazu). Damit sind das (mit einer weiteren) die einzigen von über 900. Allein in Hamburg. Von „erster“ zu sprechen, wie die BILD, oder diesen Einzelfall zu einem Trend zu stilisieren, ist bestenfalls ein Missverständnis. Oder eben die absichtliche Eskalierung der Thematik.

3. Es geht nicht um „Grüne“ oder gar „dem Islam“

Tichys Einblick, Focus und die Hamburger Morgenpost erwähnen dabei auch das beliebte rechte und auch konservative Feindbild: Die „Politische Korrektheit“. Einige rechtsextreme Blogs reden sogar von „Islam-Appeasement“ in dem Zusammenhang, was regelrecht absurd ist. Der Vorschlag resultiert auch nicht aus Vorwürfen des Rassismus und stützt sich wie oben erwähnt auf eine offiziell von der Bundesregierung unterstützte Broschüre.

4. Es gibt keine „Indianer“

Hier muss ich ausholen. In der oben erwähnten Broschüre der „Fachstelle Kinderwelten“ heißt es: „Die sogenannten Indianer gibt es nicht und gab es nie. Der Begriff wurde im Zuge der Kolonialisierung Nord- und Südamerikas der damaligen Bevölkerung aufgezwungen.“  Die Debatte um ethnische Kostüme ist kompliziert.

Wir müssten weit ausholen, zur Entdeckung Amerikas, dem völlig falschen Begriff des „Indianers“ – es sind schließlich amerikanische Ureinwohner und keine Inder – dem Völkermord an der indigenen Bevölkerung und kulturell transportierten, auch rassistischen Stereotypen vom „wilden Wilden“ oder dem „edlen“ Wilden. Und vergessen wir nicht auch heute noch existierende Unterdrückung. Das alles spielt unbewusst und ungewollt mit hinein, wenn man so ein Kostüm anzieht.

Wir reden auch nicht von „dem amerikanischen Ureinwohner“, da es sich dabei um hunderte verschiedene Stämme handelt. Alle mit unterschiedlichen Traditionen und eigener Geschichte. Das alles auf Federschmuck und Gesichtsbemalung zu reduzieren ist geschichtlich krass vereinfacht und problematisch. Und am Ende halt auch falsch. Die amerikanischen Ureinwohner empfinden diese realitätsfernen Klischees als verletzend.

Aber was ist mit Chinesen oder Japanern, die sich ein Dirndl anziehen? Mit „kultureller Aneignung“? Stereotypisierung ist nicht zwangsläufig schlecht, und manchmal ein Einstieg in eine Thematik. Die ganze postkolonialistische Debatte ist nicht so schwarz/weiß (no pun intended) wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und wir müssen auch immer die Ansichten der Betroffenen mitberücksichtigen. Ich kann nicht sagen, was hier „richtig“ oder „falsch“ ist.

Kostüme – Ja oder Nein?

Die Debatte ist sogar so kompliziert, dass sich die gesamte Kulturwissenschaft mit einer abschließenden Meinung herumschlägt. Deswegen kann man auch da kein „richtig“ oder „falsch“ finden. Aber das hat die Kita auch gar nicht versucht. Sie wollte die Eltern und Kinder auf die Problematik dahinter aufmerksam machen und dafür sensibilisieren. Deshalb auch keine „Verbote“. Und was ist falsch daran?

Ich war als Kind auch schon als „Indianer“ verkleidet, aber heute würde ich es aus Rücksicht nicht mehr tun. Wer das „politische Korrektheit“ nennen möchte, von mir aus. Aber am Ende ist es nur das: Rücksicht und Bewusstsein der Problematik. Und mehr wollte auch die Kita nicht. Umso bedauerlicher ist es, dass aus dieser differenzierten Haltung durch die Simplifizierung und Falschdarstellung der Medien eine Debatte über Verbote und Klischees wurde.

Es ist richtig schade, denn der Auslöser dieser Pseudo-Debatte war bereits ein sehr differenzierter Standpunkt. Aber jetzt sprechen die einschlägigen Charaktere wieder von „Meinungsdiktatur“ und bringen irgendwie wieder den Islam mit ins Spiel, weil warum nicht. Der Rest empört sich über „grüne Verbote“ und „politische Korrektheit“. Die andere Seite wieder regt sich wahlweise darüber auf, dass man sich aufregt oder sucht Argumente, warum ein Verbot angemessen wäre.

Der politische Diskurs in Deutschland ist kaputt

Wenn ein differenzierter Hinweis auf die Problematik hinter solchen Kostümen zu so einer Scheindebatte führt, sehe ich schwarz für den politischen Diskurs in Deutschland. Begünstigt durch die Filterblasen von Social Media und den „eigenen“, zugeschnittenen Blogs und Zeitungen führt gerade jede politische Richtung eine eigene Debatte darüber. Rechte und konservative Medien führen eine Debatte mit einem Strohmann, der angeblich Verbote fordert, und an welchem man sich abreagieren kann.

Die „andere Seite“ nutzt die Gelegenheit, um auf die Problematik solcher Kostüme hinzuweisen. Was ja theoretisch in Ordnung und sinnvoll ist, aber wir reden nicht mehr miteinander, sondern übereinander. Wir alle bauen uns Karikaturen unserer politischen Gegner und lassen ihn die schlechtesten Argumente der Gegenseite präsentieren oder – wie es häufiger bei Rechtsextremen ist – legen ihm erfundene Zitate in den Mund (Mehr dazu). Oder man macht aus „bitten“ „verbieten“, wie die MoPo oder BILD.

Ich habe die Problematik hinter der Debatte nur ganz ganz grob angeschnitten. Und empfehle jedem, der mehr wissen will, sich in die Thematik einzulesen. Ich habe auch keine abschließende Meinung zum Thema. Genau deshalb würde ich aber auf solche Kostüme verzichten. Ich schade niemandem, wenn ich mir etwas Originelleres einfallen lasse und auf andere Menschen Rücksicht nehme. Damit kann man nichts falsch machen, finde ich. Es wäre schön, wenn sich der deutsche Diskurs dieser Grundaussage der Kita wieder annähern könnte.

Nachtrag vom 8.3.:

„Indianer“-Kostüm: Warum anscheinend niemand mehr rational diskutieren kann

Artikelbild: S.Borisov, shutterstock.com

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