Die Philosophie der Unfreiheit

Rudolf Steiner

Auch in der anthroposophischen Bewegung herrscht die Anpassung an den autoritären Corona-Zeitgeist vor. Wie denken eigentlich spirituelle Menschen über Corona und die im Namen des Virus verhängten Maßnahmen? Gerade bei den Anthroposophen ist eigentlich viel „alternatives“ Denken zuhause: Die von Rudolf Steiner gegründete Bewegung hat unter anderem eine experimentelle Schulform, die biologisch-dynamische Landwirtschaft und eine im Kern ganzheitliche Medizin hervorgebracht. Nicht zuletzt auch die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ und die vom Meister so genannte „Philosophie der Freiheit“. Solche tapferen spirituellen Kämpfer – so könnte man meinen – würden sich dem materialistischen Geist dieser Virologen-Herrschaft niemals beugen und auf ihrem vielschichtigen, zutiefst humanen Menschenbild beharren. Der Spiegel-Journalist Tobias Rapp will in Anthroposophen-Kreisen gar ein Impfverweigerer-Nest ausgemacht haben und malt das Bild eines von den Steiner-Jüngern gefährlich unterwanderten deutschsprachigen Raums an die Wand. Die Autorin antwortet darauf: „Schön wär’s!“ Wie schön, wenn man sich darauf verlassen könnte, dass Anthroposophen in Zeiten der Anfechtung dem ursprünglichen Geist ihrer Philosophie treu geblieben wären. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Bewegung biedert sich dem herrschenden Zeitgeist an wie so viele andere Ex-Idealisten auch. Elke Grözinger

 

Ein Essay im „Spiegel“ landet auf meinem Tisch (1). Trotz der üblichen aggressiven Wortwahl, immer wenn es um Anthroposophie geht, fällt mir etwas auf. „Die Anthroposophen“ werden vom Autor als einflussreiche Gruppe beschrieben, welche verantwortlich seien für die niedrige Impfquote im deutschsprachigem Raum. Nun gut, er nennt sie in seiner Überschrift eine Sekte, dennoch muss ich an dieser Stelle das erste Mal schon lachen und ich lache noch öfter, je länger ich lese. Er kennt sich aus, meint er, denn er sei ja immerhin einmal Waldorfschüler gewesen. Ach, Herr Rapp, ich möchte Ihnen doch sehr ans Herz legen, nun, erwachsen wie Sie sind, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, um Ihre Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten, falls hier was vorliegen sollte. Ihnen kann geholfen werden! Erinnern Sie sich doch an den Segen der Heileurhythmie, das könnte im Fall des Falles weiterhelfen.

Alpenglühen

Der Autor meint, die Impfskepsis ginge vor allem von Süddeutschland und der Schweiz aus und glaubt, dort seien besonders viele Anthroposophen zu finden. Also, schlussfolgert er, müssten diese dann wohl schuld sein an der Skepsis, die ihn so stört. Tja, Herr Rapp, es gibt noch anderes, was Süddeutschland und die Schweiz gemeinsam haben, zum Beispiel gehören beide Gebiete ja zu den Alpenländern. Vielleicht sind die hohen Berge schuld? Der Föhn? Kuhglockengeläut? Diese Schlussfolgerungen des Autors sind so amüsant wie sie unzulässig sind und beleidigend für den gesunden Menschenverstand.

Deutschland, du bist unterwandert!

Da der Autor aber immerhin meint, den Verursacher und Feind bereits identifiziert zu haben, zieht er nun seine Beweiskette aus dem Ärmel. Deutschland sei nämlich anthroposophisch unterwandert ganz ohne es zu wissen, von einer sehr einflussreichen und gefährlichen Strömung, die er Sekte nennt. Und flott zählt er auf, wie viele namhafte anthroposophische Firmen und Betriebe das arme deutsche Volk in ihrer Gewalt hätten: Weleda, biologisch-dynamische Landwirtschaftsbetriebe, die GLS-Bank und natürlich, das schlimmste, vermutlich sein Kindheitstrauma: die Waldorfschulen!

Da weiß man nicht, soll man jetzt lachen oder weinen. Seit mehr als 2 Jahrzehnten kenne ich nun die GLS-Bank. Selten habe ich eine derart peinliche Wandlung erlebt wie dort. Den anthroposophischen Gründungsimpuls hat man dort offenbar seit langem vergessen, ja, man hat ihn sogar verschämt und endgültig aus der eigenen Firmenchronik gelöscht und zubetoniert. Die Geschäftspraktik dort erlebe ich seit vielen Jahren als derart seltsam, dass man meinen könnte, sie versuchten ihre eigene Geschichte mit einem Übermaß an kapitalistisch-materialistischem Gehabe auszumerzen. Ach ja, und Weleda mitsamt den biologisch-dynamischen Betrieben stemmen wohl den Großteil des Bruttosozialprodukts Deutschlands, meint er wohl, der Herr Rapp – so einflussreich wie er sich diese vorstellt.

So gern hätt‘ ich zugestimmt…

Doch nun kommt etwas, was mich tatsächlich schmerzt. Die Waldorfschulen. Jetzt muss ich es wohl sagen. Weder Elternschaft noch Lehrerschaft in den heutigen Waldorfschulen darf man einfach so Anthroposophen nennen. Nichts liegt ferner als das, meine ich. Ich möchte mal wetten, dass die Mehrzahl unter den eben Genannten nicht besonders belesen ist, was die Grundlagenliteratur betrifft. Erschütternd wenig Kenntnis und noch weniger Interesse musste ich dort erleben. Meine Erfahrungen diesbezüglich in den letzten 25 Jahren sind mehr als traurig, obwohl es dort dennoch viele ganz aufrichtige Menschen gibt, die die Anthroposophie sehr ernst nehmen in all ihren Lebensbereichen und hier Großartiges leisten.
Leider muss nicht nur ich feststellen, wie sehr obrigkeitshörig und blind gehorsam auch in manchen Waldorfschulen die sogenannten Maßnahmen zum Schaden der Kinder durchgezogen werden – von meiner Einschätzung nach teilweise mehr als hysterischen Gesundheitsfanatikern unter der Lehrerschaft ebenso wie auch der Elternschaft.

Goethe muss Schuld sein!

Die oben genannten Firmen und Schulen entstanden durch das Wirken von Rudolf Steiner, den der Autor so im Vorbeigehen mit L. Ron Hubbard, einen amerikanischen Sektengründer, gleichstellt. Ja, Framing wird bei „Spiegel“ offenbar großgeschrieben. Gut gelernt, fleißig geübt, läuft wie geschmiert.

Goethekult, Moderne-Kritik und Reformbewegungsglaube an die Natur nennt er Rudolf Steiners Vergehen, den er als Spinner bezeichnet. Das verstehe ich, Herr Rapp. Vielleicht würde es Ihnen und vielen anderen etwas besser gehen, und der Welt an sich sowieso, hätten Sie mal den ein oder anderen Blick in Goethes Schriften getan. Mit Kritik hat er es wohl auch nicht so sehr, der Herr Rapp. Das ist heute ja so ganz aus der Mode gekommen. Kritisches Denken ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Das Beleidigen und Diffamieren anderer Menschen scheint stattdessen sehr wohl angesagt und vielleicht auch gut bezahlt zu sein.

Doch hat er hier aus Versehen vielleicht einen Geistesblitz, der Herr Rapp, oder war es ein dummes Missgeschick, jetzt das Fernsehen zu thematisieren? Es scheint, als sähe er einen Zusammenhang zwischen einem unzureichenden Fernsehkonsum und der Skepsis oder Kritikfähigkeit mancher Menschen. Möglicherweise wäre das ein guter Ansatz für den Autor, eine Untersuchung zu machen, ob sich die Dauer und Häufigkeit des Fernsehkonsums umgekehrt proportional zur Ausbildung eines gesunden Menschenverstandes verhält, zur Fähigkeit, selbst zu denken und kritikfähig zu sein. Immerhin meint er ja offenbar, ein spirituelles Leben zu führen und das eine oder andere Buch zu lesen, sei eine Art Gegenwartsflucht und nennt es Spinnerei.

Eigentor

Diese Spinnerei, wie er es nennt, hält er aber für gefährlich, wenn es ums Impfen geht. Es scheint ihn ein wenig zu beruhigen, dass die allermeisten Anthroposophen die Anthroposophie als eine Art Wellness betrachten würden. Die allermeisten? Na, Herr Rapp, wenn das mal kein Eigentor für die kühne These Ihrer Aussagen ist! Dann bleiben offenbar nur noch sehr wenige Anthroposophen übrig, die für die gefährlich hohe Anzahl sogenannter Impfskeptiker im Süddeutschen Raum und der Schweiz verantwortlich sein sollen.

Der harte Kern der Unverbesserlichen also, welche „die anthroposophische Haltung“ bezüglich Krankheit und Gesundheit und allem anderen nicht aufgeben wollen, hält der Autor für gefährlich. Eine Haltung zu haben und zu bewahren ist in der Tat heute eher gefährlich einzuschätzen – in Zeiten, in welchen das Abnicken, Mitlaufen, Wegducken und Schweigen in Mode ist. Und zwar ausschließlich für jene, die Haltung bewahren. Du liebe Zeit, Herr Rapp, vielleicht wäre es gut, einmal ein wenig Recherche zu betreiben, so vom Homeoffice aus, und zu hören und zu lesen, wie viele namhafte und hochangesehene Größen der Anthroposophischen Gesellschaften und Verbände regierungskonforme Statements abgeben, wie sie sich geradezu verbiegen, um sich von „Verschwörungstheoretikern, Coronaleugnern und Querdenkern aufs schärfste zu distanzieren“, ebenso regel- und turnusmäßig wie die derzeitigen Impftermine.

Mit Kummer muss ich erwähnen, dass in den letzten 2 Jahren bis hinein in die Vertretung der anthroposophischen Ärzteschaft das Gift des Anbiederns und vorauseilenden Gehorsams gegenüber dem weltweit gleichgeschalteten Herrschaftssystem hineingesickert ist. Das ist wohl nicht das erste Mal in der Geschichte. Mir wäre es lieb, Sie hätten Recht, Herr Rapp. Mir wäre es wirklich lieb, wenn ein Großteil der anthroposophischen Bewegung seinen Grundsätzen treu geblieben wäre und sich nicht zum erbärmlichen Kriechertum herabgewürdigt hätte. Es hätte jetzt tatsächlich die Sternstunde der Anthroposophen sein können. Wieder einmal eine Chance verpasst.

Der Sack hat ein Loch

Sehr geehrter Herr Rapp, so lustig und auch traurig das alles ist, Sie müssen Ihr Feindbild einfach nochmal überdenken, dieser Sack hat zu viele zu große Löcher. Ihr Kindheitstrauma in allen Ehren, doch so gehts nun wirklich nicht. Doch ich will Sie nicht so ganz im Nebel tappen lassen. Recherchieren Sie doch tatsächlich mal, wie sich der Konsum von Massenmedien auf den gesunden Menschenverstand auswirkt. Wie es sich auswirkt, nicht komplett einem materialistischen Welt- und Menschenbild verfallen zu sein – kleiner Tipp hier: Salutogenese und Resilienzforschung wären hilfreiche Suchbegriffe. Ein Kurzurlaub im schönen Allgäu täte Ihnen sicher auch gut. Frische Luft hilft manchmal.

Und machen Sie sich nicht zu viele Sorgen wegen der vielen Ungeimpften im Süden. Sie sind doch sicher geimpft und geboostert, da kann ja nichts schief gehen. Vielleicht buchen Sie Ihren Aufenthalt dort gleich so, dass Sie in einem Funkloch leben, ohne Fernsehgerät. Und lassen Sie Ihr Smartphone und ihr Tablet und Notebook zu Hause. Nehmen Sie doch ein gutes Buch mit. Es muss ja nicht gleich der Goethe sein, die dort enthaltenen Wahrheiten sind in der Tat für Unbedarfte schwer verdaulich. Es kann ja so etwas Unverfängliches sein wie ein Fachbuch über die deutsche Zeitgeschichte, speziell die Zeit so zwischen 1933 und 1945. Sie werden spannende Erfahrungen machen.

(1) https://deref-web.de/mail/client/K77XPauNiEY/dereferrer/?redirectUrl=htt...

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