NPP 230 zu Digitalisierung in den Gesundheitsämtern: Anschluss verpasst

Telefon steht auf einem Schreibtisch


Wo wird heute noch so viel mit Faxen und Papier gearbeitet wie in den Gesundheitsämtern? Als die Coronapandemie im letzten Jahr in Deutschland begann, kamen viele von ihnen an ihre Grenzen. Man kam mit der Nachverfolgung von Infektionsketten nicht hinterher.

Letzten Herbst sollte sich alles ändern: Die Gesundheitsämter sollten auf eine standardisierte Software umstellen: SORMAS. Das Open-Source-Programm wurde 2014 für die Bekämpfung der Ebola Pandemie in Nigeria eingesetzt. Entwickelt wurde es vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam mit dem nigerianischen Centre for Disease Control. Am 16. November 2020 hieß es bei einer Konferenz von Bund und Ländern, man wollte bis Ende des Jahres eine Nutzerrate von über 90 Prozent erreichen. SORMAS sollte auch in Deutschland die Kontaktnachverfolgung leichter machen, über Kreisgrenzen hinweg. Dafür hat das Bundesgesundheitsministerium nach eigenen Angaben 5 Millionen Euro veranschlagt.

Die Versprechen: Die Gesundheitsämter bekommen mit SORMAS die Daten infizierter Personen vom Labor direkt übermittelt – bis Ende vergangenen Jahres lief das noch per Fax. Außerdem: Das Programm soll helfen, Daten zwischen den Gesundheitsämtern auszutauschen.

Aber später ist man immer schlauer. Ein halbes Jahr nach der Ankündigung sind immer noch nicht alle Gesundheitsämter angebunden. 336 von 376 Ämtern haben das Programm derzeit installiert. Installiert heißt aber eben nicht, dass es auch im Einsatz ist. Ein genauerer Blick zeigt: Selbst in den Ämtern, bei denen das Programm schon laufen könnte, arbeiten viele mit anderen Lösungen. Warum?

Woran scheitert die Einführung eines standardisierten Programmes, das doch angeblich so viele Abläufe erleichtern und den Ämtern Zeit sparen soll? Sind es die Ämter selbst, die sich als Digitalmuffel gegen Neuerungen sperren? Liegt es am Bundesgesundheitsministerium, das hier zu spät die Verantwortung übernommen hat – zu einem Zeitpunkt, als die Ämter in der zweiten Welle schon längst wieder andere Dinge zu tun hatten als einen Software-Umstieg? Sind die Ministerpräsident:innen der Länder verantwortlich? In deren Zuständigkeit fallen die Gesundheitsämter schließlich. Oder liegt es am Ende doch am Programm selbst, das nicht ganz halten kann, was es zunächst versprach?

Wir schauen uns in dieser Folge an, was wirklich passiert ist, während Jens Spahn und die Ministerpräsident:innen zur Einführung von SORMAS drängten. Wir haben mit Menschen aus verschiedenen Gesundheitsämtern gesprochen, um besser zu verstehen, wie ihr Arbeitsalltag aussieht und wo es bei den Abläufen knirscht. Ein Amt in Berlin, eines in Baden-Württemberg, beide haben eigene Lösungen gefunden. Am Ende hören wir dann vom Erfinder von SORMAS selbst: Gérard Krause. Er ist Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und glaubt nach wie vor, dass SORMAS die beste Lösung für alle ist.

Hier ist die MP3 zum Download. Es gibt den Podcast wie immer auch im offenen ogg-Format.

Shownotes

SORMAS aka Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

SurvNet

Bianca Kastl

Infektionsschutzgesetz


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Quellen


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