Mai & Rezo: Die 5 wichtigsten Punkte für deutsche Klimapolitik

MaiLab legt Rezo neu auf – ein gelungener Appell

Seit dem 18.05. ist nichts mehr wie es war. Ein junger Mann mit blauen Haaren hatte ein 54 Minuten und 57 Sekunden langes Video auf YouTube hochgeladen. Soweit, so normal. Auch, dass Rezo, so heißt der seit diesem Tag deutschlandweit bekannte YouTuber, sich mit Politik beschäftigt, ist an und für sich nicht gerade „besonders“. Doch das, was folgt, ist es.

Das Video, „Die Zerstörung der CDU„, erreichte bis heute fast 16 Millionen Aufrufe, über 1,2 Millionen „Gefällt mir“-Angaben und ein enormes Echo in den Medien. Seit dem 18.05. ist schlagartig allen klar, was Experten (und auch Jugendliche) schon seit langem sagen: Diese „sozialen Netzwerke“, für viele Parteien immernoch „Neuland“, haben einen erheblichen Einfluss auf die politische Meinungsbildung der Generation unter 30.



Diskussionen in die falsche Richtung?

Die Folge des Videos waren Diskussionen darüber, ob Rezo „über die Stränge“ geschlagen habe, ja sogar rechtswidrig gehandelt haben könnte. Alles mögliche wurde kritisiert: Zuerst spöttisch Rezos Haarfarbe, später wütend das Video selbst (von „unsachlich“ über „kindisch-naiv“ bis „indoktrinierend“ habe ich alles gelesen). Selbstkritik blieb Mangelware. Die CDU wollte erst ein Antwortvideo mit Philipp Amthor in der Hauptrolle drehen. Das wurde dann in letzter Sekunde, man möchte fast schon sagen panisch, von der Partei verhindert. Ich weiß bis heute nicht, ob ich darüber erleichtert oder eher traurig sein soll.

Stattdessen veröffentlichte man diese Antwort. Auch hier vor allem versteckte Kritik an Rezo und Selbstrechtfertigung. Diese Antwort hat der CDU wohl fast genauso viel geschadet, wie Rezo selbst.
Sogar das Format „CSYOU“, ein Versuch der Antwort auf Rezo durch die CSU, ist offensichtlich von Rezo inspiriert. Dieses YouTube-Experiment ist bis jetzt irgendwo zwischen Rohrkrepierer und Fail stecken geblieben.

Wir berichteten u.a. hier:

Wir haben uns CSYOU Teil 2 angeschaut, damit ihr es nicht tun müsst

Was in dem ganzen Trubel unterging: Mit dieser inszenierten Format-Diskussion gelang es den kritisierten Parteien (CDU, CSU und auch SPD), einer ernsthaften Diskussion auszuweichen. Über den Inhalt des Videos wurde verhältnismäßig wenig geredet. Ist Rezos Haarfarbe denn wirklich wichtiger als das, was er zu sagen hat?

„Klimawandel: Das ist jetzt zu tun!“

Am 14.09. veröffentlichte die YouTube-Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim, auf YouTube bekannt als „MaiLab“ eine Art Fortsetzung dieser Debatte. MaiLab ist Doktorin der Chemie, auf ihrem Kanal beantwortet sie wissenschaftliche Fragen möglichst jugendgerecht. Aufsehen erregte sie mit „Rezo wissenschaftlich geprüft„. In diesem Video analysierte sie die Kernaussagen des „Zerstörung“-Videos von Rezo. Es erreichte fast 2 Millionen Aufrufe und ist damit das beliebteste Video das Kanals.

Nun veröffentlichten beide gemeinsam also „Klimawandel: Das ist jetzt zu tun!„. Ich schaue das Video zum ersten Mal, als ich diesen Artikel schreibe und bin selbst durchaus gespannt, was mich erwartet.

Mai bringt die Debatte gleich in der Einleitung (ohne Rezo) auf den Punkt: „Wir müssen die Erderwärmung aufhalten, klar. Nur wie?“ Und schiebt in Bezug auf die bisherigen, punktuellen Versuche der Politik gleich hinterher: „Das reicht alles nicht. Wir brauchen einen viel größeren Plan.“ Den „wir“, laut Mai, haben. Einen „guten, wissenschaftlichen Plan“. „APPROVED“-Siegel inklusive.

„Nur leider interessiert sich kein Politiker für YouTuber…“

„…es sei denn natürlich Rezo ist involviert“. Das klingt wie eine lustige Pointe, ist aber eine erschreckende Moral aus der Debatte. Nachdem es ruhiger um Rezo geworden war, interessierten sich die politischen Parteien wieder 0 für YouTube – den seltsamen Versuch der CSU mal ausgenommen, der ja zumindest von Beginn an von vielen auf YouTube auch eher als Spott wahrgenommen wurde.

Und dann kommt Rezo. Alle Politiker, die dieses Video schauen, sehen ihn vermutlich zum zweiten Mal in ihrem Leben. Aber erstmal hält er sich zurück. Mai macht Werbung für den globalen Klimastreik am 20.09., aber lenkt die Aufmerksamkeit auch auf das Klimakabinett der Bundesregierung. Dieses tagt nämlich auch am Freitag.

Nach knapp anderthalb Minuten sind die, die YouTube als „schrille Welt des Rezos“ kannten (also vermutlich die gesamte Stammwählerschaft unserer Regierungsparteien), schon von der verhältnismäßig seriös auftretenden Mai überrascht. Sie selbst kündigt währenddessen zwei zentrale Fragen des Videos an: „Was kann ich persönlich gegen den Klimawandel tun“ und

Mai: „Was kann die Politik gegen den Klimawandel tun?“

Mai erklärt taktisch geschickt, dass die allermeisten halbwegs vernünftigen Politiker mittlerweile akzeptiert haben, dass wir etwas gegen den Klimawandel tun müssen. Damit umgeht sie den Vorwurf, man denunziere die Regierung als „Klimaleugner“ und damit Verschwörungstheoretiker. Weiterer cleverer Schachzug: Rezo überlasst Mai das Reden, wohl auch im Bewusstsein, dass sie weniger „vorbelastet“ ist als er.

Die Chemikerin zeigt nun strukturiert auf, welche Forderungen sie mit ihren Wissenschaftler-Kollegen sondiert hat. Außerdem versucht sie, ohne die Polemik, die Rezo zum Teil an den Tag legte, die Forderungen zu belegen:

1. „Wir brauchen eine CO2-Bepreisung“

– aus finanziellen, aber, wie Mai erklärt, auch psychologischen Gründen. Wir sollen „finanziell sehen, was wir uns leisten können und was eben auch nicht mehr“. Im Gegensatz zu „Armin“ von CSYOU sieht sie die Bepreisung also nicht als „Belastung“. Dazu zeigt sie ein Videoclip von Prof. Ottmar Edenhofer und erklärt auch dessen Bedeutung und Autorität.

Das „wir“ herrscht vor, es wirkt schon jetzt weniger wie eine fundamentale Kritik an der Haltung der Parteien als wie ein Aufruf zum gemeinsamen Handeln.

Außerdem wird rechten Narrativen geschickt vorgebeugt, indem konkret erklärt wird, wie genau eine CO2-Bepreisung aussehen könnte (Emissionshandel oder CO2-Steuer) und was jeweils die Vorteile sind.
Besonders wichtig dabei: Bei beiden Lösungen wird erklärt, warum „Wir“, die Verbraucher, am Ende mehr bezahlen müssen. Und warum das auch gut ist.

Für viele interessant ist auch der Fakt: „Bei der aktuellen Debatte um die CO2-Bepreisung geht es nicht etwa um ein völlig neues Konzept, sondern eigentlich nur um eine Ausweitung der derzeitigen CO2-Bepreisung.“ Das ist auch ein Seitenhieb gegen die AfD, die immer noch von „Klimahysterie“ redet.

Auch, dass Geringverdiener nicht unter der Bepreisung leiden dürfen, hebt Mai hervor. Denn gerade diese Kritik wurde häufig an Rezos Ansagen gestellt:

2. „Die CO2-Bepreisung muss sozial gerecht sein“

Da tun mir die „Christian-Lindner-Fanboys“, die nach Punkt 1 schon geheuchelte Sozialbedenken in die Tastatur hacken wollten, fast ein wenig Leid. Aber ehrlich: Diese Vorschläge sind tatsächlich auch abseits der rein naturwissenschaftlichen Ebene gut durchdacht.

Welche Ansätze präsentiert Mai konkret?

Da ist erstens die „Klimadividende“ – der Staat muss das durch die CO2-Steuer eingenommene Geld gleichmäßig an die Bürger wieder auszahlen. Es geht also darum, dass eine gewisse soziale Gerechtigkeit mit dem Klimaschutz verbunden wird.

Nein, das ist kein „SOZIALISMUS!!11!elf“. Es ist einfach nur fair, wenn wirklich jeder pro Kopf den selben Anteil bekommt (auch, um ein „Bürokratiemonster“ zu verhindern, wie Ottmar Edenhofer anmerkt). Diese Methode ist relativ simpel und verspricht sowohl langfristige Erfolge als auch sozialen Fortschritt.

Zweitens: „Anderweitige Steuerentlastung“. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass Steuern, die sozial Benachteiligte oftmals überproportional stark belasten, gesenkt werden. Zum Beispiel die Stromsteuer oder Steuern auf Bahnfahren.

Diese Möglichkeiten werden knapp und verständlich dargestellt. Natürlich werden dabei manche Inhalte verkürzt – das geht auch gar nicht anders. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie sachlich und nüchtern Mai und ihre Gäste im Video diese Ideen darstellen. Weniger Herabwürdigung des „Gegners“, mehr Argumente für die eigene Position. Eine ganz simple Formel. Ja, alle Parteien des Bundestages, ich schaue euch an.

3. „Eine CO2-Bepreisung schadet nicht der Wirtschaft“

Hier wird ein erstaunlich einfacher Schluss gezogen: Auf lange Sicht ist der ungebremste Klimawandel für die Wirtschaft schädlicher als alle Versuche der Klimapolitik es jemals sein werden.
Diesen Fakt erkennen zu wenige Politiker an, würde das doch bedeuten, dass Grüne doch Recht hatten. Und eigene Fehler einzugestehen – darin sind die wenigsten Politiker gut.

Auch mit dem AfD-Argument „Wir sind ja die einzigen, die was machen, die anderen sollen auch was machen!“ beschäftigt man sich. Und auch hier ist die Antwort eigentlich schon fast lächerlich banal:

Einerseits ist nämlich genau diese Schlussfolgerung, ein globaler Kampf gegen den Klimawandel unter Federführung des Weltklimarats, das, wogegen die AfD mit viel Häme und Spott agitiert.
Aber andererseits muss man den Gedanken einen Schritt weiter denken: Wenn die deutsche Wirtschaft sich nicht in eine Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien, E-Mobilität und co. bringt, dann werden es andere tun. Und wir sind am Ende wieder die, die dem Fortschritt hinterher hängen. Siehe digitale Infrastruktur.

Aber:

4. „Eine CO2-Bepreisung alleine reicht nicht aus“

– und nein, das bedeutet nicht, dass man gar nichts machen sollte. Klingt sowieso unlogisch? Ist aber im Prinzip das, worauf die Logik von rechten Klimaschutzgegnern basiert.

Zurück zum Thema. Auch hier bleibt Mai nämlich konstruktiv und bietet sofort Vorschläge, was man noch alles machen könnte (und müsste):

Verbesserte Verkehrsführung für umweltfreundliche Verkehrsmittel (vor allem Fahrrad), emissionsarme Alternativen schaffen (Investitionen und Subventionen in ÖPNV und andere umweltfreundliche Ideen, Projekte und Infrastrukturen), technologische Innovationen (was enorme Förderung für gewisse Gebiete der Forschung voraussetzt).

Am Ende reicht keine dieser Ideen allein aus, um die Welt zu retten. Man muss zwingend alle verfügbaren Ressourcen kombinieren.

Zusammenfassung 1-4 von Mai

Mai fasst die Ausführungen der letzten 10 Minuten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammen:

„1. Wir brauchen eine CO2-Bepreisung, weil sie eine wirkungsvolle und wirtschaftliche Maßnahme gegen den Klimawandel ist.

2. Die CO2-Bepreisung muss sozial gerecht sein. (Kompensation, z.B. Klimadividende)

3. Sie schadet nicht der Wirtschaft und

4. Die CO2-Bepreisung muss durch Zusatzmaßnahmen begleitet werden: Förderung von Alternativen, technologischer Innovation, ggf. weitere gesetzliche Standards“.

Doch was bringt diese Zusammenfassung? Worauf will Mai hinaus? Punkt 5 bringt es…auf den Punkt.

5. „Nur politische Maßnahmen können große Veränderungen bringen“

Das Video beinhaltet nämlich letztendlich die Kernaussage:

„Wir können und müssen den Kampf gegen den Klimawandel annehmen. Jeder Einzelne von uns, egal woher er kommt, was er glaubt, wen er liebt. Das zeigt das Video, indem es sich nicht an eine bestimmte Zielgruppe, sondern an jeden wendet.

Aber: Ohne, dass sich etwas Grundlegendes in der Politik ändert, wird der Kampf nicht erfolgreich sein.

Fazit

Für die Klimakonferenz am 20.09. bedeutet das: Der Aufwand, der in dieses Video gesteckt wurde, gilt vor allem ihnen. An sie wird appelliert. Konkret:

Die obige Zusammenfassung sollte zum „Goldstandard“ werden. Die Maßnahmen der nächsten Jahre müssen sich an dieser einfachen Formel orientieren. Dann haben wir eine Chance.

Dieses Video ist es aber auch für jede*n von uns Wert, diese knappe halbe Stunde Zeit zu investieren. In dem Video wird einfach losgelöst von jeglicher Propaganda, Polemik und Hysterie aufgezeigt, wie ernst das Thema ist. Die Personalie Rezo steht kaum im Vordergrund, es geht um Inhalte.

YouTube macht das, was die Politiker machen sollten. Weil es nicht anders geht. Es wird eine schmerzhafte Erkenntnis sein, aber hier können und müssen wir alle noch lernen.

Artikelbild: Screenshot Youtube.com

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