Die Macht der „Rasse“

Laurence Fishburn als Othello in einem Film von Oliver Parker

Rassismus ist aktuell. Dass er nicht wirklich neu ist, zeigen nicht nur Ereignisse der Geschichte, sondern auch literarische Zeugnisse wie Shakespeares „Othello“ oder Kleists „Die Verlobung in Santo Domingo“. Wenn also Trump oder Sarrazin nicht die „Erfinder“ des Phänomens sind – worin liegen seine Ursprünge? Manche halten den Rassismus für ein biologisches Programm, das unterbewusst wirkt und Menschen immer wieder vor „Vermischung“ zurückschrecken ließ. Der Autor lässt Ausreden für jene, die sich nicht entschieden gegen Rassismus stellen, jedenfalls nicht gelten. Was Hass und Dummheit hervorgebracht haben, wird durch falsche Toleranz und Bequemlichkeit am Leben gehalten. Jürgen WertheimerAlle sind wir entsetzt. Seit dem Mord an George Floyd auf offener Szene  und den weltweiten Protesten steht das Thema des Rassismus schlagartig auf der Tagesordnung und die Betroffenheit ist groß. So groß, als ob das hässliche Gesicht des Rassismus jetzt jetzt vor unseren Fenstern aufgetaucht wäre und wir von dem Phänomen überrascht worden wären. So als gäbe es keinen jahrzehntelangen Vorlauf auch unserer Empörung, als wären die Friedensmärsche eines Martin Luther King nur Legenden. Als wäre dieser Protest nicht seit der Black Panther Bewegung und Malcolm X nicht seit 50, 60 Jahren am Laufen. Als wäre das was sich im fernen Amerika abspielt nicht auch ein Dauerthema in Europa – der Wiege des Rassismus.

Wie viele wirkmächtige Theorien, die des Marxismus, des Faschismus, des Kolonialismus, ist letztlich auch der Rassismus ein Produkt europäischen Denkens, das dann überaus erfolgreich in alle Welt exportiert wurde. Es waren Engländer, die das spätere US Territorium im Namen der Freiheit blankfegten, die indigene Bevölkerung bedenkenlos auslöschten und durch menschliche Importware aus Afrika ersetzten. Es waren Spanier, die die indogene Bevölkerung unter dem Zeichen des Kreuzes und wegen des Goldes verfolgten, malträtierten und dominierten, sie Ihrer Identität beraubten. Es waren Europäer, die sich über den afrikanischen Kontinent stülpten, ihn quer durch uralte Stammesgebiete in Stücke zerschnitten und an ihren Vorstellungen neu zusammensetzten. Und es waren Europäer, genauer Deutsche, die das größte rassistische Fanal aller Zeiten mit System und Vorsatz  durchführten. Nein, dies ist kein Versuch einer  wie immer gearteten Relativierung, sondern der Ursachenforschung.

Es muss auffallen und ausgesprochen werden, dass praktizierter Rassismus in all den genannten Fällen als legitimer Ausdruck berechtigter Abwehr gegen Fremdes, nicht der eigene Kultur zugehöriges gesehen wurde und nicht als  unmenschliche Barbarei. Recht gegen Chaos, überlegene Kultur gegen Minderwertigeres war die Losung. Gewiss, man gab sich kosmopolitisch und weltoffen, doch im Untergrund der Seelen lauerte sprungbreit das Klischee und das Ressentiment, bereit bei geeigneter Gelegenheit zum Angriff überzugehen. Solange wir diese latente Disposition, dieses fatale Erbe  leugnen und uns ihm nicht stellen, wird es immer nur bei Lippenbekenntnissen und betroffenen symbolischen Gesten bleiben. Um unseren Blick hierfür zu schärfen können die Texte der eigenen Literatur – auch und gerade der Klassischen helfen.

Warum muss Othello sterben? Warum Don Alvaro in Verdis „Macht des Schicksals“, ebenso wie die blutjunge Toni in Kleists Novelle „Die Verlobung in Santo Domingo?“

Unglückliche tragische Verflechtungen, unüberwindliche Standesunterschiede, einseitige Liebe, Betrügereien, Verrat? Nichts davon. Im Gegenteil ehrliche Liebe, sogar das Versprechen ehelicher Liebe steht im Raum. Und dennoch kommt es zur schlimmst möglichen Wendung – alle werden mit gnadenloser Konsequenz verfolgt und getötet. Sucht man nach einer Begründung für die fatale Wendung, so bleibt ein einziger Erklärungsversuch, ein einziges Motiv: Die Differenz der Rasse: Othello ist ein loyaler  und überaus erfolgreicher Offizier in Diensten des Republik Venedig, der Staat vertraut ihm in allen machtpolitischen Fragen, ist sogar aktuell von seinen militärischen Fähigkeiten abhängig. Und dennoch: als die Liebenden sich zur Heirat entschließen, kommt es zum Eklat und alle  denkbaren Ressentiments und Vorurteile erwachen mit einer Giftigkeit und Gehässigkeit, die nicht größer sein könnte,  als wenn diese  „mohrische Existenz“ eben erst venezianischen Boden betreten hätte. Schon beginnt man von Teufelei, Hexerei zu reden und ihm halb tierische, halb menschliche Nachkommen anzudichten und sie zu fürchten.

In Verdis  überaus populärer Oper wird „forza del destino“ genannt, was purer Rassismus ist: „Indianer“ und das reine „spanische Blut“ – in den Augen des Vaters und später des nach Rache süchtigen Bruders  ist diese drohende Vermischung (durch ein Heirat mit der Tochter bzw. Schwester) ein Frevel gegen die Natur.

Und selbst der junge, naive, in die Mulattin Toni leidenschaftlich verliebte Held in Kleist Geschichte glaubt sich im entscheidenden Moment von der dieser getäuscht und schlägt tödlich zurück.

Drei Beispiele einer beliebig erweiterbaren Liste, die in Zeiten des  offenen und unterschlagenen Rassismus  und des zum  inflationären Automatismus gewordenen Lobes der Buntheit und Vielfalt von bestürzender Aktualität ist.  Dabei ist das plakativste Segment, die Angst vor jüdisch-deutscher Vermischung, bewusst ausgespart. Doch auch die Liste der drei klassischen Beispiele irritiert und  lässt zumindest zögern. Denn wer diese Diskussion in Angriff nimmt, begibt sich in ein methodisches Minenfeld – im argumentativen Todesstreifen zwischen Biologismusverdacht und des Verstoßes gegen das inhärente Gebot der so genannten „political correctness“.

Dennoch, gerade deshalb muss sie geführt werden, auch wenn sie neue, unerwünschte Probleme mit sich bringen könnte. Etwa den Verdacht, dass einem Teil unserer Verhaltensreflexe das aus der Tierwelt hinreichend vertraute Schema der Abwehr fremden Genmaterials, sprich die Angst vor Vermischung  zugrunde liegen könnte. Und man soll sich an diesem Punkt nichts vormachen: Aller Hybriditäts- und Transkulturalitätstheorien zum Trotz, gibt es starke Tendenzen und Symptome dieser Art  gerade in  gegenwärtigen Debatten. Wenn man über die Jahrhunderte hinweg beobachten kann, dass auch und gerade in literarisch hochwertigen Texten wieder und wieder auf diesen gleichermassen verhaltensbiologisch wie gruppensoziologisch kritischen Punkt aufmerksam gemacht wird,  sollte man sich dieser Problematik stellen und – weil man weiß, wie zentral diese Frage für Kollektive zu sein scheint – sehr viel vehementer in den Weg stellen als bisher.

Die Signale, auf die es präventiv zu reagieren gilt, sind eindeutig und definitiv nicht unauffällig. Um nur zwei Beispiele unter Dutzenden zu erwähnen, sei an Lou Dubbs in den Vereinigten Staaten und Tilo Sarrazin in Deutschland erinnert – beide Quotenbringer, also „Produkte“ der Medien, die ungewöhnlich starke Akzeptanz fanden. Und genau hier zeigt sich, dass ein primär marktwirtschaftlich organisiertes System per definitionem mit der Aufgabe des kommunikativen Widerstands überfordert sein muss: wenn die Akzeptanz qua Quote  der entscheidende Faktor der Vermittlung ist, wird die griffige Botschaft aller xenophoben Neo-Nativisten zwangsläufig zum Mainstream und damit zu meinungsmachenden Produkt. 1,5 Millionen verkaufte Exemplare von Sarrazins Nativisten-Bibel „Deutschland schafft sich ab“ sprechen eine unmissverständliche Sprache. Entsprechend die Zahlen der US Nachrichtenshow „Lou Dobbs Tonight“, die jeden Wochentag auf Amerikas Traditionssender CNN lief und regelmäßig illegale, meist mexikanische Einwanderer als gewaltbereite und korrupte Invasoren, sogenannte „illegal aliens“, darstellte.

Beides Phänomene lange vor Pegida/Afd auf der einen und fremdenfeindlichen Attacken (Trump) auf der anderen Seite. Wir kennen dies alles bis zum Überdruss  – und fanden uns bis jetzt letztlich damit ab, arrangierten uns damit. Sicher, wir beobachten, zählen rassistische Vorfälle, quetschen die Daten in Statistiken und schneiden betroffene Gesichter. Aber wenn es hart auf hart kommt, kneifen wir nach wie vor. Die jämmerliche Vorstellung,  die der Rechtsstaat angesichts  der quälend langwierigen und beschämend ineffektiven  NSU Prozesse (2013-18)  ablieferte, ist noch in trister Erinnerung.

Auch wenn es auf den ersten Blick unerwartet erscheinen mag, die Gründe für dieses Scheitern liegen nicht so sehr in unseren individuellen Defiziten, sondern sind weit mehr Teil eines primär auf Effizienz und ökonomischen Erfolg ausgerichteten Systemdenkens, das Phänomene wie das des Rassismus als die Abläufe störend schlicht ausblendet. Wenn man konsequent sein wollte, müsste man auch erkennen, dass selbst unserem viel gepriesenen Ideal der „Toleranz“ letztlich eher ein Geschäftsmodell als eine ethische Höchstleistung zugrunde liegt: Wir tolerieren die in unseren Augen verwerfliche Meinungsäußerung der Gegner nicht aus Großmut, sondern aus Pragmatismus und Lethargie. Die stille Art des Rassismus besteht nicht aus Verhetzung, Diabolisierung, Diffamierung, sondern hat ihren Ursprung in  mangelnder Energie und Konsequenz in der Verfolgung der Hetze.

Solange die Pose oder Posse der Liberalität allein auf der Basis der Gewinnmaximierung basiert, wird sie durch ihr wohlfeiles Halbinteresse zum verlängerten Arm der rassistischen Ideologen. Dass die (a)sozialen Netzwerke hierzu ein Übriges tun, ist zu evident, um es hier noch einmal herausstreichen zu müssen. Ebenso wie die aktuellen Entwicklungen (die Vorgänge in den USA, die Flüchtlingsfrage in Deutschland) eigentlich nur Zuspitzungen darstellen. Falls die drei eingangs kurz anzitierten Text nicht nur diffamierende Entgleisungen protokollieren würden, sondern eine gewisse  Aussagekraft über ein Zentrum unseres kollektiven Verhaltens besitzen.

Blog des Autors: https://ppplog.net/author/juew/

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