Ist das Interesse der USA an den Uiguren in China dem Ölreichtum in Xingjiang geschuldet?

Ein Kommentar von Tom Fowdy

In der 24. Kalenderwoche 2021 verkündete China etwas Wichtiges, dies wurde allerdings kaum vom medialen Radar erfasst: In der autonomen Region Xinjiang im äußersten Westen des Landes entdeckten Chinas Erdölförderungsunternehmen ein Erdölvorkommen, dessen geschätzter Vorrat sich auf fast eine Milliarde Tonnen beläuft. Dies ist der größte Fund in China seit Jahrzehnten – und dennoch nur eine Entdeckung in einer wachsenden Reihe von Funden in dieser Region.

Auch wenn er keinen kompletten Spielumbruch darstellt, so ist der Fund für China als mit Abstand größter Erdölverbraucher der Welt mit einer boomenden industriellen Wirtschaft und 1,4 Milliarden Menschen dennoch von großer Bedeutung.

Peking ist nicht nur auf der Suche nach Energiequellen als solchen, sondern will Energieunabhängigkeit erlangen, also die Vorstellung umsetzen, dass das Land nicht auf ausländische Energie- und Treibstofflieferanten angewiesen ist. Nun die Frage: Warum hat dies eine solche Priorität für Peking?

China wird niemals über ausreichend eigene Ölreserven verfügen, um sich von der Abhängigkeit von anderen Staaten völlig zu befreien. So ist es derzeit von umfangreichen Importen aus dem Nahen Osten abhängig. Dieser Status quo ist in den Augen Pekings jedoch unhaltbar.

Bei der Erdöleinfuhr über den Indischen Ozean, durch die Straße von Malakka und hinauf durch das Südchinesische Meer ist China auf Gedeih und Verderb der Gnade der USA ausgeliefert. Und Washington zielt mit seiner Strategie eines "freien und offenen Indopazifiks" darauf ab, China über das Wasser militärisch einzukreisen.

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Hypothetisch besteht Anlass zu der Befürchtung, Washington könnte im Falle eines Konflikts die Schifffahrtsrouten außerhalb der Peripherie Chinas sperren und damit die Öleinfuhr kappen. Falls die USA dies tatsächlich arrangieren könnten, wäre dies ein Weg zu einer schnellen Lähmung Chinas.

Derlei Überlegungen brachten Xinjiang den Status einer der strategisch wichtigsten Regionen Chinas ein. Allerdings nicht nur aus der Sicht Pekings, sondern auch seiner Feinde. Xinjiang ist nun ein Dreh- und Angelpunkt, nicht nur im Hinblick auf seine enormen Energieressourcen, sondern auch wegen seiner geografischen Bedeutung als Tor zum Westen, nach Mitteleuropa und in den Nahen Osten.

Der Kampf um Xinjiang als zukünftiger logistischer Knotenpunkt im globalen Handel

Südlich von Xinjiang liegt Pakistan. Das Land stellt einen geraden Korridor zum westlichen Indischen Ozean dar, der den indischen Subkontinent umgeht und ideal für die Einfuhr von Erdöl ist. Dies unterstreicht die Bedeutung des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors im Einzelnen und der Seidenstraßeninitiative insgesamt.

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Die absolut entscheidende Rolle Xinjiangs für Chinas Energieunabhängigkeits- und Diversifizierungsstrategien ist klar. Und da die USA vor Ort nicht militärisch Fuß fassen können, versuchen sie, China dort mit einer Vielzahl von Maßnahmen das Leben zu erschweren. Washingtons Bestreben, eine Hegemonie über die globale Ölindustrie aufrecht zu erhalten, wohnt natürlich die Dimension der Konzerninteressen inne. Die USA mögen es nicht gern, wenn Länder, die sie nicht kontrollieren können, Öl besitzen. Doch ihre unmittelbaren Ziele liegen in erster Linie im Bereich der militärischen Strategie.

Zuerst setzten die USA chinesische Erdölunternehmen auf ihre schwarze Handelsliste, die sogenannte Entity List, um sie am Erwerb fortschrittlicher Technologien zur Erdölfernerkundung und –prospektion zu hindern. Auch wenn dies allem Anschein nach nicht gerade zu einem durchschlagenden Erfolg geführt hat. Dann setzte die US-Regierung die betreffenden Unternehmen auf ihre Investitionsverbotsliste, um ihnen den Zufluss US-amerikanischer Investitionen zu entziehen.

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Diese Bemühungen jedoch sind nur Versatzstückchen im Vergleich zum deutlich umfassenderen Versuch, die autonome Region Xinjiang geopolitisch vollständig zu isolieren, die Lieferketten, die diese Region umfassen, zu torpedieren sowie den Kapitalfluss dorthin zu untergraben. Dafür werden Behauptungen über einen angeblichen Völkermord an der dortigen uigurischen Minderheit verbreitet. Dies soll China erstens zwingen, sich allein auf seine maritime Peripherie zu verlassen, und zweitens die politischen Kosten der Aufrechterhaltung des streng kontrollierten Status quo für Peking erhöhen.

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Doch das scheint Peking bei seiner Schwerpunktsetzung auf die Energieunabhängigkeit nicht zu beirren. Am Wochenende entdeckte China an der Grenze zur Inneren Mongolei eines der größten Schieferölvorkommen der Welt. Dies wird eine Vielzahl weiterer alternativer Vorstöße im Energiesektor ergänzen. Zu diesen zählen massive Investitionen in elektrische Pkw und Busse und deren Batterietechnologie, ein enormer Vorstoß in Richtung Kernenergie und -technologie, ein Vorschlag zur Gewinnung von Uran aus Meereswasser, der Bau neuer Pipelines mit Russland und schließlich eine Stärkung der Beziehungen zu Iran, über dessen Staatsgebiet Teile der neuen Seidenstraße verlaufen.

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In allen Bereich betreibt China eine aggressive Politik der Diversifizierung und investiert in verschiedene Energieträger, um die mit deren Import zusammenhängende massive strategische Verwundbarkeit zu überwinden. Der Kampf erstreckt sich auch auf die Region des Südchinesischen Meeres, wo sich Erdölvorkommen von 16 bis 33 Milliarden Barrel und Erdgasvorkommen von bis zu 14 Billionen Barrel befinden. Da dieses Gebiet politisch umkämpft ist, hängen damit nur langfristige Optionen zusammen. Eine sofortige Lösung für die Region ist nicht zu erwarten.

Aus kurzfristiger Perspektive sind somit Xinjiang und die damit verbundenen Handelsrouten und Energiereserven von entscheidender Bedeutung für Chinas Bestreben, seine Versorgungswege strategisch neu zu ordnen, seine Abhängigkeit von militärisch umstrittenen Regionen zu verringern und sich auf eine Fortsetzung der Konfrontation mit den USA vorzubereiten. Wenn China dies gelingt, wird es sich ermächtigt fühlen, auch auf dem Meer eine härtere Gangart einzulegen.

Gar nicht verwunderlich also, dass die Vereinigten Staaten so aggressiv auf der Xinjiang-Frage herumreiten. Angesichts der Tatsache, dass die USA in der Vergangenheit Propaganda als Waffe einsetzten, um den Zugang zu sämtlichen Erdölreserven strategisch zu dominieren, sollte dies niemanden überraschen. Allerdings konnte bisher kein ein einziger Vorstoß der USA den Fortschritt Chinas ausbremsen.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Tom Fowdy ist ein britischer Autor und Analytiker für Politik und internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Ostasien.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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