Gratwanderung zwischen den Weltanschauungen und ihren Wirklichkeiten

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Zur Antrittsrede des neuen bolivianischen Vizepräsidenten David Choquehuanca von Veronika Bennholdt-Thomsen, erschienen in der OYA-Ausgabe #62/2020. »Mit der Erlaubnis unserer Götter, unserer älteren Brüder und unserer Pachamama, unserer Vorfahren, unserer Achachilas , mit Erlaubnis unserer Patujú, unseres Wiphala und unseres heiligen Koka-Blatts möchte ich einige Minuten lang unser Denken und Fühlen teilen. Es ist eine Pflicht, uns zu verständigen, eine Pflicht, miteinander zu sprechen, es ist ein Prinzip des vivir bien.«

Mit den ersten Sätzen David Choquehuancas sind wir schon mittendrin in der Vorstellungswelt der vielen einheimischen Nationen Boliviens. Unter der Regierung des ersten indigenen Präsidenten, Evo Morales, hatten sich die Bürgerinnen und Bürger Boliviens im Jahr 2009, nach einem mehrjährigen, breiten Beratungsprozess, eine neue Verfassung gegeben. Plurinationalität, »gut leben« (vivir bien) und das »Recht von Mutter Erde« (Pachamama, Madre Tierra, Madre Naturaleza) werden darin als Grundprinzipien eines neuen Gesellschaftsvertrags verstanden. Sie wurzeln im Weltverständnis der indigenen Völker. Mit der Anerkennung der ethnischen Vielfalt (Plurinationalität) soll das kolonialistische, monotheistische Herrschaftsverständnis abgestreift werden. -Vivir bien und der Respekt vor Mutter Erde richten sich gegen das Wachstumsparadigma der Entwicklungspolitik und besonders gegen die Mechanismen der neoliberalen Globalisierung – beides eine Fortsetzung der Kolonisierung mit anderen Mitteln.

»Wir Völker der alten Kulturen, der Kultur des Lebens, bewahren unsere Ursprünge seit dem Anbeginn der Zeit. Das Ayni, die Minka, die Tumpa, unsere Colka (Worte in den verschiedenen Sprachen für die Gemeinschaftsarbeit) und andere Verhaltensregeln der tausendjährigen Kulturen sind die Essenz unseres Lebens, unserer Ayllu.«

Ayllu, das Aymarawort für »Gemeinschaft« benennt die Allmendearbeit in Feld, Wald und Flur, an den Wegen und Bewässerungsgräben, an der jährlich rotierenden Selbstverwaltung und an den Ritualen zum Erhalt und Lob der fruchtbaren Lebendigkeit von Werden und Vergehen. Und es ist »ein System der Organisation des Lebens aller Wesen, von allem, was existiert, von allem, was im Gleichgewicht auf unserem Planeten oder der Mutter Erde fließt.«

Bei der Lektüre dieser Worte entrang sich der gequälten europäischen Seele so mancher Seufzer neidvoller Bewunderung. In Europa ist Choquehuancas Rede massenhaft und mit größerer Bewunderung aufgenommen worden als in Bolivien selbst. Kein Wunder – die Menschen dort kennen die darin zur Sprache kommende Weltanschauung. Sie leben sie in all ihrer alltäglichen Widersprüchlichkeit. Bolivianerinnen aus den politischen sozialen Bewegungen spotten: »Ihr Europäer träumt von der heilen, indigenen Welt. Was ist mit eurer? Wovon träumt ihr? Und was wisst ihr überhaupt von unserer Wirklichkeit?«.

Letztere ist in der Tat mitnichten so weit von der europäischen entfernt, wie wir Nachfahrinnen der Kolonialherren glauben wollen, die wir jahrzehntelang unser Gutmensch-Bewusstsein damit fütterten, die Unterentwicklung der armen Völker zu beklagen, zumal der indigenen.

David Choquehuanca ist Politiker, Repräsentant eines modernen Staats nach innen und außen. Er war Außenminister während der Regierung Morales und ist jetzt Vizepräsident. Sein Appell an Einheit und Gleichberechtigung gilt sowohl dem Mensch-Natur-Verhältnis als auch dem zwischen Lohnarbeiterinnen und Bauern, als auch gegenüber jenen Anhängerinnen der katholischen, rechten, rassistischen Zwischenregierung von Jeanine Áñez; innerhalb von 15 Monaten hatte diese dem ausländischen Kapital die Tür zum Zugriff auf die Bodenschätze wieder weit geöffnet. Aber auch Choquehuancas Regierungspartei MAS (Movimiento al Socialismo) setzte auf die Steigerung des Bruttosozialprodukts durch Exporterlöse aus der Ausbeutung von Naturressourcen. Warum? Um in öffentliche Infrastruktur und ins Sozialsystem zu investieren, um Handel und Konsum anzukurbeln – und um wiedergewählt zu werden. Das geschah 2009 mit überwältigender Mehrheit von 64 Prozent.

Wie viel Selbstregierung ist in Zeiten des globalisierten Markts entlang der Prinzipien von Pachamama möglich? Wie viel Widerstandskraft birgt die Commons-Verfasstheit des Ayllu? Sowohl innerhalb der 36 ethnischen Gruppen Boliviens, die in der plurinationalen Verfassung anerkannt sind, als auch zwischen ihnen und für den Staat insgesamt? Was verstehen einzelne, Familien, Clans, Gemeinschaften unter dem in der Verfassung vorgegebenen vivir bien, dem guten Leben? Kollidieren hier nicht Weltanschauungen – etwa zwischen denjenigen, die am Verständnis und der Nutzung der Koka als dem »geheiligten Blatt« festhalten, und jenen, die daraus die Gewinne des Drogenhandels ziehen? Oder sind die Perspektiven bereits untrennbar miteinander verbunden? Etwa wenn die höchst wasserintensive Ausbeutung des Lithiums für den Export kritisiert wird, andererseits aber die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler von Choquehuanca ein Handy hat? Oder können sich beide Sichtweisen zu einem wirklich guten Leben verbinden? Dafür wirbt der Vizepräsident in seiner Antrittsrede unter dem Titel »Kampf gegen jede Art von Unterwerfung«.

Womöglich sind die Menschen in den Anden und im Tiefland des Amazonasbeckens tatsächlich besser dafür ausgerüstet als wir in Europa, die wir mit dem Wachstumsvirus infiziert sind. Deshalb erinnert David Choquehuanca an das Ayllu, das nicht nur Vergangenheit ist, sondern in den Gemeinden nach wie vor praktiziert wird. Manche sagen, das gelte nur noch eher minder als mehr. Vielleicht aber kann man darin auch eine gelingende Anpassung sehen, die den Fortbestand ermöglicht. Hoffnung aufs Fortbestehen macht die zugrundeliegende Weltanschauung, die die Jahrhunderte der Kolonisierung bis heute nicht austreiben konnten. Sie wurde im Zug der Verfassungsvorbereitungen nach 2006 auf breiter Basis als bewusstes, explizites Wissen formuliert. Choquehuanca legt die andine Philosophie nochmals dar, die sich nicht in konkurrierenden Gegensätzen bewegt, sondern den Ausgleich der Komplementarität sucht.

»Einer der unerschütterlichen Stützpfeiler unserer Zivilisation ist das geerbte Wissen um die Pacha, Gleichgewicht in Zeit und Raum zu gewährleisten. Das bedeutet, mit allen komplementären Energien umzugehen – mit der Energie, die vom Himmel kommt, und der, die aus der Erde kommt. Diese beiden kosmischen, aus der Welt hervorgehenden Kräfte wirken zusammen und schaffen das, was wir ›Leben‹ nennen, als sichtbares und als spirituelles Ganzes. Indem wir das Leben in Begriffen der Energie verstehen, haben wir die Möglichkeit, unsere Geschichte, die Materie und unser Leben als Zusammenwirken der Chachawarmi-Kraft umzugestalten, wenn wir uns auf die Komplementarität der Gegensätze beziehen.

Wir sind in der Zeit der Brüder der apanaka pachakuti , der Brüder des Umbruchs, wo unser Kampf nicht nur für uns selbst, sondern auch für sie und nicht gegen sie war. Unser Kampf richtet sich gegen jede Art von Unterwerfung und gegen das koloniale, patriarchale Denken, woher auch immer es kommt. Die Idee des Zusammentreffens zwischen Geist und Materie, dem Himmel und der Erde, von Pachamama und Pachakama ermöglicht es uns zu denken, dass eine neue Frau und ein neuer Mann die Menschheit, den Planeten und das schöne Leben auf ihm werden heilen können und unserer Mutter Erde ihre Schönheit zurückgeben.«

In diesem Sinn sollten wir die Rede David Choquehuancas lesen – nicht als Kuriosum oder als Gedankenwelt ferner, einfach lebender indigener Völker, sondern als Inspiration für unser Handeln im komplexen Hier und Heute.

Veronika Bennholdt-Thomsen ist eine österreichische Ethnologin und Soziologin. Seit 1966 ist sie auch in Mexiko beheimatet, erst zum Studium, dann zu Forschungen.

Der Artikel ist zuerst erschienen in der OYA 62/Matriarchale Fährten. Eine Spurensuche zu ­viel­fältigen Lebensformen, nährenden Beziehungsweisen, eingebettetem Sein und dem Umgang mit unserem patriarchalen Erbe. Hier mehr lesen. Danke fürs copyleft.

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