Fitbit-Übernahme: Wenn dir Google beim Atmen zuhört

Person mit durchsichtiger Hülle über dem Kopf

Ioannis Kouvakas ist Jurist und Projektleiter Daten und Wettbewerb bei Privacy International.

Wie viel weiß Google über uns? Oder anders gefragt: Gibt es etwas, das Google nicht über uns weiß? Durch unsere Suchanfragen bei Google und bei YouTube kennt der Konzern unsere Interessen. Er weiß potentiell was wir denken. Und durch Anwendungen wie Google Maps weiß er womöglich sogar immer, wo wir sind.

Am 15. Juni informierte der Google-Konzern die Europäische Kommission über seinen Plan zur Übernahme von Fitbit, einem Hersteller von Smartwatches und Fitness-Trackern. Die Kommission hat nun bis zum 20. Juli Zeit, um die Transaktion zu prüfen.

Mein Arbeitgeber Privacy International ist eine internationale NGO, die sich gegen die Ausbeutung unserer Daten durch Staaten und Unternehmen einsetzt. Wir wollen die Übernahme von Fitbit verhindern.

Google kauft Gesundheitsdatenschatz

Durch die geplante Übernahme von Fitbit könnte Google Zugriff auf Gesundheitsdaten von Millionen Menschen erhalten. Die Verarbeitung von sensiblen Daten wird durch EU-Recht streng reguliert – eigentlich. Die Übernahme könnte die Rechte von Milliarden Menschen verletzen, obwohl viele von ihnen noch nie etwas von Fitbit gehört haben.

Die Produktpalette von Fitbit reicht von einfachen Schrittzählern bis hin zu Geräten, die Kalorienverbrauch, Atmung und Herzfrequenz aufzeichnen. Fitnessdaten liefern detaillierte Analysen etwa über das Schlafverhalten, die Geräte erlauben ihren Nutzer:innen außerdem Angaben darüber, ob die Person menstruiert oder ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte. Ein großer Teil des Wertes von Fitbit liegt in diesen Gesundheitsdaten.

In der Vergangenheit hat Fitbit seine Datenbank stetig durch neue Zukäufe erweitert. Die Firma schloss außerdem zuletzt lukrative Partnerschaften mit Krankenversicherungen ab.

Der Kauf von Fitbit erlaubt es Google, seine Datenmacht auf den Gesundheitssektor auszuweiten. Der Konzern verdient den Großteil seines Jahresumsatzes, der allein 2018 136,22 Milliarden US-Dollar ausmachte, durch personalisierte Werbung. Der Fitbit-Kauf ermöglicht es dem Technologiegiganten potentiell, diese lukrativen Datensätze und detaillierten persönlichen Profile mit Echtzeitdaten über den Gesundheitszustand und die Bedürfnisse der Menschen sowie mit allgemeinen Informationen über ihr tägliches Verhalten und ihre Körperrhythmen zu verknüpfen.

Und all das von Google. Erst vor einigen Monaten berichtete ein Whistleblower, dass der Konzern die Daten von US-Patienten, einschließlich Laborergebnissen und Krankenhausaufzeichnungen, ohne deren Zustimmung sammelte.

Zu Googles zwielichtiger Vergangenheit kommen eine Reihe von Verstößen gegen EU-Wettbewerbsrecht und Datenschutzgesetze. Beispielsweise verhängte die französische Datenschutzbehörde am 21. Januar 2019 eine Rekordstrafe von 50 Millionen Euro gegen Google wegen Verstoßes gegen die EU Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Zuletzt bestätigte der französische Oberste Gerichtshof die Geldbuße und wies die Berufung von Google ab.

Unabhängig davon, ob wir Fitbit-Nutzer sind oder nicht, müssen wir uns fragen, ob wir wollen, dass ein Unternehmen mit dieser Vergangenheit unsere intimsten Daten in die Hände bekommt. Wollen wir wirklich eine Zukunft, in der Google unsere Sozialleistungen verwaltet und die Art und Weise gestaltet, wie unsere Arbeitgeberin oder unsere Versicherungsgesellschaft uns kontrolliert?

Privacy International (PI) wird nun im Prüfverfahren der Europäischen Kommission intervenieren und fordern, die Übernahme zu blockieren. In der Zwischenzeit hat PI auch eine Online-Petition gestartet, in der es diejenigen, die die gleichen Bedenken haben, bittet, ihre Stimme hinzuzufügen. Wir hoffen, dass die EU diesmal das Verbraucher:innenwohl über den Unternehmensgewinn stellt.

Google weiß bereits zu viel über uns. Lasst uns verhindern, dass sie noch mehr herausfinden.


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