Epidemiologe kritisiert Coronapolitik: Inzidenzwerte – „Das ist ja ein politischer Wert“ (Video)

Dr. Friedrich Pürner war Leiter des Gesundheitsamtes in Aichach-Friedberg. Nachdem er sich zu einigen Punkten der Coronapolitik kritisch geäußert hatte, folgte ein unfreiwilliger beruflicher Wechsel. Der Mediziner sprach mit RT DE über aktuelle Fragen rund um Corona.

Der Epidemiologe und Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen Dr. Friedrich Pürner war Leiter des Gesundheitsamtes in Aichach-Friedberg bei Augsburg. Nachdem er sich bereits im vergangenen Herbst zu einigen Punkten der Coronapolitik kritisch geäußert hatte, folgte ein unfreiwilliger beruflicher Wechsel zum Landesinstitut für Gesundheit in Oberschleißheim.

Dabei ist Pürner alles andere als ein Corona-Leugner. Vielmehr übt er aus fachlicher Sicht Kritik am Umgang mit dem Virus. So sieht er beispielsweise für das offizielle Narrativ einer „dritten Welle“ keine hinreichende Basis. Gegenüber RT DE sagte er:

„Man muss wissen, dass die Grippewelle genau definiert ist. (…) Bei Corona haben wir das nicht. Wir testen die Menschen und die positiven Labormeldungen werden aufsummiert. Insofern gibt es keine klare Definition, was eine Welle ist bezüglich Corona. (…) Man kann ein paar wenige Fälle grafisch wunderbar mit einer Welle darstellen. Ich mag das Wort ‚Welle‘ nicht. Das hat so etwas Dramatisches und verängstigt nur die Menschen.“

Auch das stete Warnen vor immer neuen Virusmutationen macht Pürner nicht mit. Stattdessen sei es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn Viren mutieren. Sie würden dadurch in der Regel zwar ansteckender, verlören aber auch an Gefährlichkeit.

„Das wird uns aber helfen, dass die Pandemie schneller beendet ist.“, führt er aus. Besonders problematisch sieht der Mediziner das Fokussieren auf sogenannte Inzidenzwerte, wenn es darum geht, über die Fortsetzung von Lockdowns zu befinden. Pürner führt aus:

„Das ist ja ein politischer Wert. Das Wort selbst gab es auch vor Corona noch nicht. (…) Von diesem Wert kann man schlicht und ergreifend nichts ableiten. (…) Wenn wir sagen, 50 pro 100.000, dann bedeutet das ja nur, dass wir 50 positive Meldungen bekommen (…) pro 100.000 Einwohner.

Wir wissen aber nicht, ob diese 50 Positiven nun wirklich krank sind und wie stark krank sie sind. Also haben wir überhaupt keine Aussage, inwieweit das Gesundheitssystem belastet wird, ob diese Personen symptomatisch sind. Also, diese Inzidenzgrenzen an sich bringen relativ wenig.“ (Ein Jahr Corona und kein Ende: Waterboarding der Seele oder wie die Herrscher den Lockdown lieben lernten)

Aussagen wie beispielsweise die von Karl Lauterbach Mitte Januar, wonach ohne Lockdowns bis zu 0,6 Prozent der Menschen in Deutschland (das wären rund eine halbe Million) verstorben wären, kann er nichts abgewinnen. Pürner meint:

„Das ist nur wieder eine Vermutung, die hier getroffen wird. Und trifft diese Vermutung nicht ein, so wie jetzt, dann spricht man vom sogenannten Präventionsparadoxon. Im Prinzip wird hier einfach ein Denkfehler gemacht. Denn: Es ist ja doch sehr unwahrscheinlich, dass alle Menschen in Deutschland sich anstecken würden (…), schon gleich gar nicht zu einem Zeitpunkt. (…) Ich kann diese Vermutung nicht unterstützen.“

Auch die häufig ins Feld geführte Überlastung des Gesundheitswesens kann Pürner abgesehen von punktuellen Belastungen einzelner Krankenhäuser so nicht erkennen. Die „Initiative Qualitätsmedizin“ (IQM) etwa habe Mitte Februar „ganz schön dargelegt, dass eben die Zahl der beatmeten Patienten im Krankenhaus zurückgegangen ist im Vergleich zu den anderen Jahren“. Die Verpflichtung zum Tragen von Gesichtsmasken bewertet Pürner im übrigen so:

„Die Maske allein macht nicht den Schutz, sondern auch der Umgang mit dieser Maske macht den Schutz. Und ich bezweifle ganz stark, dass Privatpersonen diesen Umgang mit der Maske können. Sowas muss man lernen. (…)

Die Frage ist wirklich: Braucht es diese Masken tatsächlich? Und da denke ich: Nein, die braucht es nicht. Denn die Menschen können damit nicht umgehen. Und die Wirksamkeit (…) im öffentlichen Raum oder draußen im Freien, da bin ich relativ skeptisch.“

Dem Thema Impfen steht der frühere Amtsarzt ansonsten grundsätzlich positiv gegenüber. Jedoch:

„Wir müssen den Menschen, die wir impfen, sagen können: Welche Risiken gibt es durch die Impfung? Welche Nebenwirkungen gibt es durch die Impfung? Und vor allem: Wo liegt der Nutzen der Impfung? Und dann müssen wir schön abwägen und sagen können: Diese Impfung bringt Ihnen was oder eben: Diese Impfung hat eher einen Nachteil für Sie. (…) Ich kann nur immer jedem Arzt empfehlen und raten: Bitte klärt die Leute gut auf, die ihr impft.“

Überlegungen, Geimpften gegenüber Ungeimpften Vorteile einzuräumen, erteilt er eine klare Absage. Denn hier gehe es um Grundrechte. Und die habe man generell, auch ohne Impfung. Er halte die Debatte darüber für „sehr, sehr gefährlich“ und sei sich sicher:

„Wenn wir die aufrecht erhalten, dann wird es die Gesellschaft noch weiter spalten und die Politik wird massiv, massiv an Vertrauen verlieren.“

Von Medizinerkollegen erhalte er ansonsten viel Zuspruch, etwa wenn es um die Bewertung des Lockdowns geht. In anderen Fragen wie beispielsweise beim Impfen gebe es aber auch unterschiedliche Ansätze. Eines beschäftige ihn in dem kollegialen Austausch jedoch stark:

„Was ich besonders schlimm finde, ist, dass sich keiner der Kollegen wirklich traut, öffentlich Stellung zu beziehen. Weil sie allesamt Angst haben vor Diskreditierung und vor Abwertung. Und das finde ich tatsächlich jetzt im Jahr 2021 mittlerweile wirklich einen ganz, ganz unschönen Vorgang.“

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Video:

Quellen: PublicDomain/de.rt.com am 27.02.2021

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