Echte Begegnungen im Liebesnest

Foto: Pixabay

Von Dorothea Ristau. Seit Monaten wird unendlich viel geredet und kommuniziert und bei all den Meinungen und Stimmen fällt es oftmals schwer, bei sich zu bleiben. Gerade in Bezug auf das Lieblingsthema der Menschheit – Sex – sind wir tagtäglich mit Bildern, Meinungen und Vorgaben konfrontiert und auf subtile Weise erleben wir viel Einfluss von außen:

Wie ein attraktiver Körper auszusehen hat, sehen wir auf Plakaten mit Frauen, die – hätte man sie nicht retuschiert – wohl alle magersüchtig wären. Aus Filmen lernen wir, wie eine perfekte Beziehung aussieht und welche Beziehungsform die Richtige ist. In Talkshows wird darüber gesprochen, wie sich eine gute Liebhaberin im Bett zu verhalten hat und wie dies konkret aussehen kann, können wir uns ebenfalls anschauen.

Wie schaffen wir es bei all den Einflüssen von außen also, bei uns und in unserem Körper zu bleiben?

Warst du jemals in deinem Körper?

Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie es sich bei diesem Wirrwarr im Außen im Körper bleiben lässt, möchte ich noch eine Frage vorneweg schieben: Warst du jemals in deinem Körper?

Denn die Stimmen, wie guter Sex und die richtige Form von Sexualität auszusehen haben, sind oftmals so laut, dass viele, viele Menschen erst gar nicht bei sich ankommen, sondern versuchen, eine Form der Liebe zu leben, die ihnen überhaupt nicht entspricht. Das leistungsorientierte, genormte Denken hat leider auch in vielen Betten Einzug gehalten und beim Versuch, diese Ideen umzusetzen, geht das Individuelle, das Persönliche und letztendlich der Kontakt zu sich selbst und zum Gegenüber verloren.

Dabei ist es für eine erfüllende und tiefgehende Begegnung auf körperlicher Ebene Voraussetzung, dass du dich selber kennst und dich selber spürst. Der Weg führt also aus dem Kopf in den Körper, aus dem Denken ins Fühlen.

Weißt du, was dir beim Liebemachen gut tut? An welchen Stellen deines Körpers möchtest du gerne die Hand oder die Lippen deines oder deiner Liebsten spüren? Welche Art der Berührung magst du? Welche Berührungen gibst du gerne? Und wo liegen deine Grenzen?

Ich möchte dich einladen, dir Zeit zu nehmen, um heraus zu finden, was dir auf körperlicher Ebene gut tut und was nicht.

Dafür kannst du dich mit dir selber verabreden und deinen Körper erkunden. Probiere Berührungen an verschiedenen Stellen deines Körpers aus, variiere den Druck und die Geschwindigkeit und erkunde auch Körperstellen, die du bisher vielleicht gemieden hast, weil sie dir zu intim erschienen. Alles gehört zu dir dazu, jeder Bereich deines Körpers möchte wahrgenommen und vor allem auch angenommen werden. Solche Begegnungen mit dir selbst können dich dabei unterstützen, zu deinem Körper eine Verbindung herzustellen, insbesondere auch zu den Bereichen, zu denen du bisher noch überhaupt keinen Kontakt gespürt hast.

Doch auch zusammen mit (d)einem Partner oder (d)einer Partnerin kannst du auf Erkundungsreise gehen, sofern er oder sie dafür aufgeschlossen ist. Probiert, wo ihr einander gerne berührt und wo ihr euch gerne berühren lasst. Dabei möchte ich euch ermutigen, sowohl Berührungen am gesamten Körper auszuprobieren und auszukosten, als auch euch intensiv den intimen Stellen wie der Brust oder der Yoni beziehungsweise dem Lingam zuzuwenden, indem ihr eure Hände darauf legt, sie haltet, streichelt, massiert und den Kontakt spürt. Nehmt wahr, was die einzelnen Berührungen mit euch machen, experimentiert, was sich für euch beide gut und stimmig anfühlt und lernt euch auf diese Weise immer besser kennen.

Wie kannst du im Körper bleiben?

Wenn du nun eine Idee davon hast, was du in der körperlichen Begegnung magst und was nicht, so ist dies eine wichtige Voraussetzung dafür, um im Körper zu sein.

Doch die Konditionierungen, wie guter Sex zu sein hat und wie nicht, sitzen oftmals sehr tief und schnell ist die Aufmerksamkeit nicht mehr im Körper, sondern wieder im Kopf. Von außen vermittelte Bilder tauchen erneut auf, Glaubenssätze melden sich zu Wort und Vorstellungen von Richtig und Falsch gewinnen die Oberhand.

Was kann also noch helfen, um im Spüren zu bleiben?

Ich möchte dich und euch anregen, bewusst die fünf Sinne mit einzubeziehen. Denn wenn wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, befinden wir uns automatisch auf Körperebene und ein bewusstes Einbeziehen der Sinne kann unterstützen, noch mehr im Körper anzukommen.

Gestaltet euer Liebesnest so, dass es hübsch aussieht und ihr euch darin wohl fühlt. Verwöhnt eure Ohren mit Tönen, Klängen und Musik, nutzt Öle, Räucherstäbchen und andere Düfte, überrascht euch mit kleinen Leckereien und nehmt euch vor allem viel Zeit, um über die Haut zu kommunizieren.

Denn Sex ist nicht nur der Geschlechtsakt an sich, sondern noch so viel mehr – und vor allem sehr individuell. Gerade die Zeit des Vorspiels wird oftmals unterschätzt und entsprechend kurz gehalten. Dabei ist sie so wichtig, um überhaupt erstmal in der Begegnung anzukommen.

Ob ihr euch für den Beginn erst einmal aneinander kuschelt und für den sanften Übergang aus dem Kopf in den Körper eine Weile miteinander redet, ob ihr gemeinsam esst, lacht, singt oder euch am gesamten Körper mit den unterschiedlichsten Materialien streichelt, liegt an euren ganz persönlichen Vorlieben. Findet heraus, was euch gut tut, womit ihr eure Sinne verwöhnen und wie ihr auf behutsame Weise in der Begegnung auf körperlicher Ebene ankommen könnt.

Und aus diesem Zustand der Entspannung, der eintritt, wenn ihr euch verwöhnt und bei euch ankommt, kann eine Erregung entstehen, die eine vielleicht noch ungeahnte Intensität mit sich bringt. Es kann aber auch sein, dass euch der Zustand der Entspannung so gut gefällt, dass ihr für heute in diesem verweilt.

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