Claudia Roth und der Antisemitismus oder: Warum sie wirklich zurücktreten sollte

von Dagmar Henn

Es ist schwierig mit der Betrachtung von Kunst; da ist das Großgemälde "People's Justice", das auf der Documenta verhüllt wurde und zum Auslöser für die Rücktrittsforderungen gegen Bundeskulturministerin Claudia Roth wurde, keine Ausnahme. Die Figuren, die der Grund für den Vorwurf des Antisemitismus sind, sind drei von mehreren Dutzend.

Das Gemälde hat zwei Flügel; auf dem linken wird gewissermaßen die herrschende Weltordnung dargestellt, auf dem rechten der Widerstand der unterdrückten Bevölkerungen. Die Gestalten auf der linken Seite sind samt und sonders Karikaturen, während jene auf der rechten an die Wandmalereien von Diego Rivera erinnern. Und ja, diese drei Gestalten sind eine antisemitische Darstellung.

Das Gemälde stammt aus Indonesien und ist über zwanzig Jahre alt. Was an der Bewertung dieses Details nichts ändert, aber zum Zeitpunkt der Entstehung wäre die Reaktion auch hier vermutlich noch eine andere gewesen. Diese drei Gestalten sind nicht das Hauptthema des Bildes. Das ist die Suharto-Diktatur, es sind die Massaker der Jahre 1965 und 1966, als – um Indonesien unter westlicher Kontrolle zu halten – dort über eine Million Menschen ermordet wurden. Weil man entschieden hat, nicht einfach die inkriminierten Gestalten zu verdecken, sondern das ganze Gemälde zu verhüllen, ist damit auch dieser Inhalt verschwunden.

Karikierende Darstellungen sind in politischer Kunst nicht selten; auch einige Gemälde von George Grosz würden inzwischen Anstoß erregen, wegen "Transphobie" beispielsweise. Die Grenzziehung zwischen legitimer Vereinfachung und verzerrter Darstellung ist schwierig. Und gleichzeitig ist das Documenta-Gemälde selbst ein historisches Zeugnis dafür, dass in Indonesien eine Auseinandersetzung mit diesem Massaker stattfindet, beziehungsweise durch diese Künstler bereits vor zwanzig Jahren stattgefunden hat. Auch diese Qualität verschwindet mit der Verhüllung aus der Wahrnehmung.

Nun, es muss nicht wundern, dass Claudia Roth es geschafft hat, sich zwischen sämtliche Stühle zu setzen. Der Künstlergruppe, die die Ausstellung gestaltet hat, wird vorgeworfen, sie stünde der Bewegung Boykott-Divestment-Sanctions nahe; eine Bewegung, die Israel Apartheid vorwirft und deshalb in Deutschland antisemitisch genannt wird, obwohl sie vor allem von jüdischen US-Amerikanern getragen wird.

Mit der Ausstellung beauftragt wurde diese Gruppe allerdings nicht im Zusammenhang mit BDS, sondern weil die Documenta schon seit längerem das Konzept verfolgt, Kunst außerhalb des europäischen Raums aufzugreifen und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus zu führen. Das wiederum ist aber inzwischen, da der Westen wieder voll in den Dominanz-Modus zurückgekehrt ist, überholt, weshalb natürlich auch Künstler aus den armen Ländern der Peripherie keine Gnade mehr erwarten dürfen.

Claudia Roth dürfte davon schlicht überfordert sein. Sie ist schließlich eher jemand, der hinterherdackelt. Sie macht einfach das, was bei ihresgleichen als gut gilt, aber nicht immer so schnell. Dass sie nicht mitbekommen hat, dass über BDS der Bann verhängt wurde und damit alles, was irgendwie damit zu tun hat, in Deutschland tabu ist, liegt sicher nicht an mangelnder Folgsamkeit den Vorgaben gegenüber.

Bei ihrem Besuch in Odessa hat sie schließlich auch ganz brav die gebotene Zuneigung zu ukrainischen Nationalisten gezeigt. Und dabei, ohne es zu merken, weil der ganze deutsche Mainstream es nicht merkt, selbst Motive gebraucht, die direkt aus den Propagandaanweisungen des Herrn Goebbels stammen. Nachweislich. So, wie sich hinter der ganzen Propaganda, die heute gegen Russland aufgefahren wird, tatsächlich antisemitische Bilder finden, die der Mainstream mit aller Kraft nicht als solche erkennen will.

Wie sagte Claudia Roth nach ihrem Besuch in Odessa im Interview mit dem Deutschlandfunk? "Dieser Krieg ist ja der Krieg eines Regimes, das tötet – Frauen, Kinder, Männer –, eines Regimes, das lügt. … Aber es ist auch eben ein gezielter Krieg gegen die Kultur, um die kulturelle Identität eines Landes, einer Gesellschaft zu zerstören."

Es gibt eine historische Arbeit aus dem Jahr 1989, die untersucht, welche Themen und Bilder in den Wochenschauen genutzt wurden, um den Krieg gegen die Sowjetunion zu begründen. Darin steht über die erste Wochenschau nach dem Überfall am 22. Juni 1941: "Die Wochenschau stellte den Krieg als einen Kampf 'zum Schutz der Kultur, gegen die Barbarei', gegen die 'verlogenen Verbündeten Britanniens' dar, wie der Sprecher es formulierte."

"Krieg gegen die Kultur ist auch ein Krieg gegen Demokratie", wurde Roth während des Besuchs von ntv zitiert. "Wenn Kultur zerstört ist, hat Demokratie keine Stimme mehr."

Mit der Demokratie ist es so ein Ding in dieser Ukraine. Schließlich ist keine Partei mehr erlaubt, die gegen Selenskij ist, schon gar keine, die gegen ukrainische Nationalisten wäre. Aber das ist für Roth keine Frage. Sie geht auch und gedenkt der ermordeten Juden Odessas. Aber nicht der Befreier Odessas, und schon gar nicht der Opfer des 2. Mai 2014, der nie stattgefunden hat. Wie sagte sie noch? "Die Konflikte, die es in der Vergangenheit gab, also eher prorussisch oder proukrainisch, ich glaube, das hat sich völlig aufgelöst. Was ich erlebt habe, ist, dass alle sagen, wir sind Ukrainer." Sie dürfte auch kaum Gelegenheit gehabt haben, jemanden zu finden, der sich "prorussisch" äußert; gerade in Odessa war die Verhaftungswelle in diesem Frühjahr besonders gründlich. Auch von dort wird es viel Übles zu berichten geben, das in den vergangenen acht Jahren geschehen ist.

"Hier werden auch Bibliotheken und alte Archive angegriffen, also das Gedächtnis von Städten, von Gemeinden, von einer Gesellschaft." So zitiert sie das ZDF. Dass in der Ukraine halbe Bibliotheken entsorgt wurden, weil die Bücher auf Russisch waren, weiß sie natürlich nicht. Sie liefert nur brav das propagandistische Puzzleteil, für das sie amtlich zuständig ist, und das lautet "Russland vernichtet die Kultur."

Aber es geht um Antisemitismus. Wie hatte sie gesagt, als die Debatte um das Documenta-Gemälde begann? "Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus, wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit" seien die Grundsätze unseres Zusammenlebens? Nun, nicht länger, wenn es um Russen geht.

Das wirklich Schlimme ist allerdings, dass diese Propaganda jener vor achtzig Jahren so unheimlich gleicht. Da ist der "Krieg gegen die Kultur" nur ein Teil. Weitere Teile der Erzählung sind die angebliche barbarische Kriegsführung, die groß herausgestrichenen vermeintlichen Kriegsverbrechen, selbst wenn sie sich bei genauerer Betrachtung nicht halten lassen, wie Butscha, oder wenn sie eben ukrainische Verbrechen sind, wie die Totschka-U in Kramatorsk. Was wurde nicht alles bereits erzählt, von systematisch vergewaltigten Frauen bis hin zu toten Kindern, denen die Russen die Schuhe stehlen …

So wird die zweite Wochenschau nach dem Überfall beschrieben: "Handelte es sich bei den Rotarmisten um Bestien in Menschengestalt, schien eine faire Kriegführung verfehlt. Um so leichter aber konnte die deutsche Bevölkerung Genugtuung darüber empfinden, daß die Nationalsozialisten es wagten, ein Übel solchen Ausmaßes zu bekämpfen. … Nur wenige Tage später ordnete Hitler an, es sollten möglichst noch weitere Gräueltaten in den Wochenschauen gezeigt werden, 'damit das deutsche Volk erkennt, um was und mit wem der Kampf geht'."

Die Wochenschauen wurden übrigens von Goebbels persönlich abgenommen; bei diesem wichtigsten Teil des Propagandaapparats gab es eine lückenlose Kontrolle. Und die dort vorgegebene Richtung wurde übernommen: "Nachdem Goebbels selbst den Ton angegeben hatte, schienen Reichspropagandaabteilung der NSDAP, Reichspropagandaministerium und Auswärtiges Amt darum zu wetteifern, die widerwärtigsten 'Augenzeugen'-Berichte über Gewaltverbrechen zu publizieren, die nur erdacht werden konnten. Schilderungen von sadistischen Mißhandlungen an Frauen, Männern und Kindern erfreuten sich besonderer Beliebtheit."

Es klingt irgendwie vertraut, oder? Aber um wirklich zu verstehen, was das Ganze mit der Documenta zu tun hat, muss man die zentrale Formulierung aus der Propaganda gegen die Sowjetunion ins Gedächtnis rufen. So aus der Goebbels'schen Propagandaanweisung vom 31. März 1937: "Der Bolschewismus ist von Juden erdacht und wird von Juden geführt. Er ist die Aktion der jüdischen Rasse."

Hitler sprach am Tag des Überfalls auch vom jüdisch-bolschewistischen Regime. Und das zieht sich durch das gesamte Narrativ: die jüdischen Bolschewisten als Herrscher und die slawischen Untermenschen als Fußvolk. Der berüchtigte Kommissarbefehl, der ganze ungeheure Berg an Kriegsverbrechen der Naziwehrmacht, fußte auf dieser Sicht. Im Kern dieses gigantischen Verbrechens, das über zwanzig Millionen Menschenleben forderte, steckt ein antisemitisches Klischee. Und heute? Wird die gleiche Geschichte wieder erzählt, nur ein klein wenig subtiler. Denn wenn man betrachtet, welcher Charakter Putin zugeschrieben wird – und da kann er hundertmal genau das tun, was er vorher gesagt hat –, nämlich Hinterlist, Verschlagenheit und das Streben nach Weltherrschaft, dann ist das nichts anderes als eine oberflächlich kaschierte Wiederholung. Stalin war auch griechischer Georgier, aber man nannte ihn dann eben "jüdisch versippt" und beschrieb ihn dennoch nach dem vorgegebenen Muster.

Während sich die auch bei den Grünen gut vertretenen Antideutschen jederzeit schützend vor einen Rockefeller oder Musk werfen und sofort antisemitische Klischees wittern, wenn man etwas gegen Milliardäre hat, die sich in die Politik einmischen, fällt ihnen das tatsächlich voll ausgebildete Muster mit Putin, seinen Oligarchen und den tumben slawischen Russen nicht einmal auf. Die Heimtücke, die der russischen Politik ständig unterstellt wird, hat nach wie vor ihre Wurzeln in der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung", und wenn dann hinzugefügt wird, Putin wolle die Sowjetunion zurück, wird ein Bild aufgerufen, das all die Jahrzehnte nach 1945 unbeschadet überstanden hat – weil man schon über den antislawischen Rassismus nie gesprochen hat, aber über den Anteil, den primitivster Antisemitismus an dieser Sicht hat, erst recht nicht.

Wie sagte Claudia Roth noch? "Dieses bedingungslose Kämpfen für das, was für uns selbstverständlich ist – Freiheit, Frieden, Selbstbestimmung, eine proeuropäische Haltung einzunehmen –, das muss ja unterstützt werden." Tja, aber nicht einmal dieses "proeuropäische" ist neu oder eine Abweichung vom alten Muster. So formulierte die Anweisung an die Presse vom 27.06.1941: "Europa marschiert gegen den gemeinsamen Feind in einer einzigartigen Solidarität und steht gewissermassen gegen den Unterdrücker jeder menschlichen Kultur und Zivilisation auf. Diese Geburtsstunde des neuen Europas vollzieht sich ohne Forderung und Zwang deutscherseits."

Ich hätte ein Rätsel aus diesem Satz machen können, zumindest, wenn ich das Wort "deutscherseits" gestrichen hätte: ob er aus einer Erklärung der EU stammt, aus einer der NATO oder aus besagter Anweisung an die Presse. Es klingt alles so ungeheuer vertraut. Die "Solidarität mit der Ukraine" hat eben eine lange Vorgeschichte.

Und nun kommen wir zurück auf eine weitere Aussage von Roth vom Mai dieses Jahres, ausgerechnet zum geplanten Dokumentationszentrum zur deutschen Besatzungsherrschaft: "Dieses erinnerungspolitische Signal ist in diesen Zeiten umso wichtiger, in denen mitten in Europa ein grausamer Angriffskrieg gegen die Ukraine stattfindet, der vom Putin-Regime in einer geschichtsrevisionistischen Weise propagandistisch begleitet wird." Die Welt präsentierte dieses Zitat heute ganz stolz in ihrem Artikel zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.

Das, was die antirussische Propaganda treibt, noch geschichtsrevisionistisch zu nennen, wäre verharmlosend. Es ist geschichtswiederholend. Und Claudia Roth arbeitet daran eifrig mit. Antisemitische Abbildungen auf einem Gemälde in einer Ausstellung? Das ist Pillepalle. An einer Kriegspropaganda mitwirken, die nach wie vor einen antisemitischen Kern hat – das sollte wirklich ein Grund zum Rücktritt sein.

Mehr zum Thema - Eine bewährte Waffe: Wie man das Narrativ des "Massakers" unter Kontrolle behält

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