Alexanders CD-Tipp der Woche: Weinberg Symphonies Nos. 2 & 21

„Dem Andenken der im Warschauer Ghetto Ermordeten“ hat der Komponist Mieczysław Weinberg (1919-1996) seine 1991 vollendete Symphonie Nr. 21 „Kaddish“ gewidmet. Das tief bewegende Werk liegt seit kurzem in der Aufnahme des von seiner jungen Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla geleiteten City of Birmingham Symphony Orchestra vor. (Alexander Kinsky)

„Kaddish“ (engl. Schreibung, auf Deutsch Kaddisch), eines der zentralen jüdischen Heiligungsgebete, gab auch schon Leonard Bernsteins 3. Symphonie für Sprecher, Orchester, gemischten Chor, Knabenchor und Sopran-Solo (1963) den Titel. Bei Weinberg ist es eine reine, fast eine Stunde lange Instrumentalsymphonie, bei der sich gegen Ende aber auch ein Sopran-Solo meldet, allerdings wie ein Instrument eingesetzt, ohne Text.

Mieczysław Weinberg, aus jüdischer Familie stammend, wurde 1919 in Warschau geboren, wo er ein Klavierstudium begann. Als die Deutschen 1939 Polen überfielen, musste er fliehen. Seine Familie schaffte das nicht, sie wurde ermordet. Bis 1941 konnte er in Minsk studieren. Der deutsche Vormarsch nach Russland zwang ihn, nach Taschkent weiter zu reisen. 1943 schaffte er es, Dmitri Schostakowitsch auf sich aufmerksam machen, auf dessen Einladung er in Moskau sesshaft werden und fortan als freier Komponist arbeiten konnte, vielfach sogar in einem musikalischen „Wettstreit“ mit Schostakowitsch. Wie Schostakowitsch immer wieder geriet auch Weinberg in den Folgejahren in Konflikt mit dem Sowjetsystem, er wurde 1953 sogar inhaftiert. Erneut setzte sich Schostakowitsch für ihn ein. Stalins Tod ermöglichte dann die Freilassung. Weinberg starb 1996 in Moskau.

Nicht nur in der 21. Symphonie wird der Holocaust thematisiert. Die 1968 fertiggestellte Oper Die Passagierin zeigt eine Auschwitz-Überlebende und ihre KZ-Aufseherin auf einem Ozeandampfer nach dem Krieg. Die Oper wurde erst 2006 erstmals konzertant in Moskau aufgeführt, 2010 schließlich szenisch bei den Bregenzer Festspielen.

Neben Bühnenwerken komponierte Weinberg auch Symphonien, weitere Orchesterwerke, Konzerte, Vokalmusik, Lieder, Kammer- und Solomusik, ein reichhaltiges, ungemein vielschichtiges Oeuvre. Entdeckenswert, eine Welt für sich, sind etwa allein schon die 17 Streichquartette, die das Quatuor Danel in einer diskographischen Großtat erstmals eingespielt hat, zuerst auf Einzel CDs und dann 2014 als 6 CD Box bei cpo veröffentlicht.

Mehr zu Leben und Werk Weinbergs kann man bei wikipedia nachlesen. Als wesentlicher Weinberg Forscher hat sich der Biograph David Fanning profiliert.

Der jungen, 1986 in Vilnius geborenen litauischen Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla (sie wurde 2016 mit 29 Jahren als Nachfolgerin von Simon Rattle, Sakari Oramo und Andris Nelsons Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, die erste Frau an dieser Position) ist Weinbergs Werk ein ganz zentrales Anliegen. Die erste Veröffentlichung die ihr beim Klassiklabel schlechthin, der Deutschen Grammophon, ermöglicht wurde, gehört der 2. und der 21. Symphonie des Komponisten.

Weinbergs Symphonie Nr. 2 op. 30 für Streichorchester entstand 1946 und hat drei Sätze (Spieldauer knapp 35 Minuten). Gleich mit dem 1. Satz (Allegro moderato) offenbart sich da eine zerrissene, verlorene, suchende Seele. Wer Gustav Mahlers späte Symphonien schätzt, die Neunte und das Adagio und Purgatorio der Zehnten, auch wer sich schon durch die 15 Schostakowitsch Symphonien durchgekämpft hat, dem werden die Welten die sich da auftun nicht fremd erscheinen. Der 2. Satz (Adagio) beginnt mit einem gewichtigen Unisono-Gesang, der in unheimliche, angespannte Atmosphäre mündet. Die Violinen versuchen zu harmonisieren, mystische Aufschwünge wie bei Bruckner erstaunen. Der 3. Satz (Allegretto) setzt dort fort, im Nachklang von Bruckner, Mahler, Schostakowitsch, auch Tschaikowsky. Aus der Schwermut heraus, aus belasteter Situation versucht sich tänzerische Ausgelassenheit Freiraum zu schaffen, der Charakter bleibt aber angespannt, aufgewühlt, und schon tanzt er auf einem Hexenberg über glühenden Kohlen, dann aber wieder leichter schwebend, scheinbar unbeschwert, bis zum geheimnisvoll verklärten Ende.

Die ganz in den Bann dieser intensiven, extrem zu Herzen gehenden Streichorchestermusik aus dem 20. Jahrhundert ziehende Aufnahme mit der von Mirga Gražinytė-Tyla dirigierten Kremerata Baltica, die erste der zwei im Mai 2019 veröffentlichten CDs (2 CDs DGG 483 6566) füllend, entstand im Dezember 2018 in Vilnius.

Erschütternde, tief unter die Haut gehende symphonische Musik bietet auf der zweiten CD die sechssätzige, gewaltige ca. 55 Minuten dauernde 1991 vollendete Symphonie Nr. 21 „Kaddish“ op. 152, den Opfern des Warschauer Ghettos gewidmet.

Das Warschauer Ghetto – wie so vieles aus humanistischer Sicht ein unfassbarer, entsetzlicher Bestandteil des Nationalsozialismus, ab 1940 ein eigener „Jüdischer Wohnbezirk“ in Warschau, später ein Lager, ein Sammellager, von wo es für die meisten weiter ins Vernichtungslager Treblinka ging, Ort auch des größten jüdischen, letztlich niedergeschlagenen Aufstands 1943: der Opfer dieses Ghettos gilt es zu gedenken, hört man Weinbergs 21. Symphonie.

Versuch einer persönlichen Annäherung:

Das Werk (1. Satz Largo, 18:38 Minuten) beginnt mit schwerblütigen Orchesterklängen. Eine einsame Violine, ein verlorener jüdischer Musikant, er singt ein Klagelied, frei nach Gustav Mahlers „Das irdisch´ Leben“. Die Musik schreit auf, fassungsloses Wehklagen, eine Welt ist aus den Fugen. Splitter der Verlorenheit, scheinbarer Hoffnung, der Gewalt. Wieder der verlorene Geiger. Erschütternde, tief bewegende Musik. Das Klavier stimmt wehmütig Chopins 1. Ballade an. Irisierender Scheinfriede.

Plötzliches Aufschrecken (2. Satz Allegro molto, 6:03 Minuten), gehetzt, getrieben, aufgewühlt.

Direkter Übergang (3. Satz Largo, 5:38 Minuten) in eine Szenerie, die wie ein apokalyptisches Gericht anmutet. Dem Angeklagten bleibt nur, sich kurz ins Irrlicht einer gleißenden Phantasie zu träumen. Rasch holt ihn die groteske Versammlung zurück. Verschiedene Stimmen kommen zu Wort. Der Kontrabass verteidigt den Angeklagten beherzt. Sie singen ein Klezmerlied, aber spöttisch, sarkastisch. Ein Alptraum!

Und dann tanzen sie (4. Satz Presto, 3:12 Minuten), exzessiv, auf dem Vulkan. Alles gequälte Seelen!

Dem verlorenen Geiger, ja ausgerechnet ihm gelingt nun jedoch eine sanfte Harmonisierung des Geschehens (5. Satz Andantino, 7:17 Minuten). Die Natur erblüht über verbrannter Erde neu, seltsam, magisch, zauberisch. Friede? Nein. Urplötzlich schlägt erbarmungslos das Schicksal erneut zu, mit unerbittlicher Gewalt.

Das Jüngste Gericht tut sich auf (6. Satz Lento, 13:50 Minuten). Sind wir verloren? Was hilft uns aus der Konfusion? Die Klarinette öffnet eine Tür. Die Sopranstimme der Dirigentin übernimmt den Klagegesang, aber auch irgendwie wie ein Lichtstrahl. Atmosphärisch ist das unbeschreiblich intensiv. Der bittende Mensch. Kindlich. Naiv. Die Hoffnung. Jetzt wieder die 1. Chopin-Ballade, zögerlich, nur der Ansatz, aber doch voller Hoffnung. Mystische Verklärung. Nur die Stimme, die Sopranistin. Aber was ist das? Der Lichtstrahl intensiviert sich in offenbarem Bedrohtsein, Gefährdetsein. Ist es doch das Böse, das Schreckliche, was einzig bleibt? Gebrandmarkt sind alle, in die Stille hinein singt man weiter das Klagelied.

Einen ähnlichen „Schlusseffekt“ – friedliche Ruhe, plötzlicher Gewalteinbruch, dann wieder friedliche Ruhe – hat etwas plakativer etwa auch Andrew Lloyd Webber 1984 in sein Requiem komponiert.

Bei der im November 2018 in Birmingham entstandenen Aufnahme wirkten Mirga Gražinytė-Tyla (Dirigentin und Sopranstimme) und das City of Birmingham Symphony Orchestra sowie als Solisten Gidon Kremer (Violine), Oliver Janes (Klarinette), Georgijs Osokins (Klavier) und Iurii Gavryliuk (Kontrabass) mit.

Weinbergs 2. Symphonie wirkt individuell, die 21. Symphonie dagegen erschütternd universell.

Verdienstvoll die Großtat der ambitionierten Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, ihr Entree bei einem Major Label diesem starken symphonischen Postulat zu einem der schrecklichsten Kapitel der Menschheitsgeschichte eine breitere Öffentlichkeit zu geben.

Die Aufnahme bei den KlassikAkzenten: https://www.klassikakzente.de/mirga-grazinyte-tyla/musik/weinberg-symphonies-nos-2-21-527978

Die Homepage von Mirga Gražinytė-Tyla: http://mirgagrazinytetyla.com/

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