Alexanders Albumtipp der Woche: Dota – Mascha Kaléko

Was für eine anspruchsvolle Herausforderung, was für ein exzeptionelles Ergebnis: Die als „Kleingeldprinzessin“ bekannt gewordene Liedermacherin Dota Kehr veröffentlicht im April 2020 in ihrem eigenen Label ein Dota Album mit Mascha Kaléko Vertonungen. (Alexander Kinsky)

Ein gelebtes Leben des 20. Jahrhunderts in kalten Fakten:

Die deutschsprachige Dichterin Mascha Kaléko wird 1907 in Galizien als Golda Malka Aufen geboren. Drohende Pogrome zu Beginn des Ersten Weltkriegs erzwingen den Umzug ihrer Familie nach Deutschland. Der russische Vater wird interniert. Nach dem Krieg Bürolehre in Berlin. Kurse in Philosophie und Psychologie. 1928 Heirat mit Saul Aaron Kaléko. Lernt Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. Kabarett und Rundfunk. Erstes Buch 1933 „Das Lyrische Stenogrammheft“. Bücherverbot durch die Nationalsozialisten. 1938 Emigration in die USA. Reklametexte und Kindergedichte. 1942 bis 1957 lebte Mascha Kaléko in Greenwich Village (New York). Rückkehr nach Deutschland. 1960 Ablehnung des Fontane-Preises wegen eines ehemaligen SS-Standartenführers in der Jury. Danach Übersiedlung nach Jerusalem. 1968 Tod ihres Sohnes, 1973 Tod des zweiten Ehemannes Vinaver. 1975 Magenkrebstod in Zürich auf der Fahrt von Berlin nach Jerusalem. Literaturgeschichtlich wird Mascha Kaléko der Neuen Sachlichkeit (einer literarischen Strömung der Weimarer Republik) zugerechnet, in der die Gesellschaft nüchterner als im Expressionismus dargestellt wird. Verglichen wird Mascha Kaléko unter anderem mit Tucholsky, Ringelnatz und Kästner.

Ein desillusioniertes Leben des 20. Jahrhunderts in Gedichten:

Das frischgeschaufelte Grab schon im ersten Gedicht, dann gleich ein sogenannter schöner Tod, die immerwährende Fahrt ins Nirgendland, zwischendurch doch ein Hafen im Leben, aber schon wieder als Fremde auf der Reise, die nutzlosen Tage in der Großstadt, die bleierne Schwere die auf der Emigrantenseele lastet, zwischendurch das Wesentliche was man braucht (und das ist weiß Gott nichts Materielles), das alte Lied vom vergeblichen Warten, das komplizierte Innenleben, das den im Dasein anstrengenderen Anderen in der Abwesenheit zur Sehnsucht verklärt, der Schwips als vorübergehende Scheinlösung, die Versuche, einem Kind und dann sich selbst in einer Zelle die Schatten etwas wegzuzaubern, aus dem leeren, grauen Tanzlokal hinaus auf den Stadtasphalt, die blassen Tage als unüberwindbare Mauer, das Nicht-Sterbenkönnen, der Versuch eines Wiegenlieds für Trauernde, schließlich das ganze 20. Jahrhundert in einem Vierzeiler, nach dem jedes Wort zur Wunde mutiert, ein letzter zerfallender Traum. Und was bleibt? „Ich aber habe nichts mehr auf der Welt.“

Dotas Textauswahl beschönigt nichts, sie fächert den Lebensbogen der Dichterin feinfühlig vielschichtig, bewegend bis erschütternd auf.

Ein musikalisch eindringlich respektvoll gewürdigtes Leben des 20. Jahrhunderts in Liedern:

Die bedrückende Atmosphäre dieser ganzen Epoche von Weltkrieg zu Weltkrieg mit den bleibenden Traumata, sprachlich gespiegelt aus der sensiblen Seele einer Poetin, behält in Dotas von Melancholie durchzogenen Vertonungen diese schwebende Poesie des dichterischen Wesens, das von jenem „Mehr“ weiß, welches von der kalten Realität rigoros abgelehnt wird, jenem „Sich-Fallenlassenkönnen“ in der Geborgenheit der Kunst, hier freilich ohne auch nur eine Sekunde die schwere Belastung aller erzwungenen Verzweiflung auszublenden. Dotas musikalische Lied-Balance zeugt von allerhöchstem künstlerischem Anspruch, der erschütternd gut eingelöst wird, stilistisch zwischen Marlene Dietrich Chansons, Kurt Weill, Hildegard Knef und Jazzidiom changierend. Es ist die Gesamtatmosphäre, die die Hörerschaft nach dem Durchhören von CD und Bonus CD hoffentlich beklemmend intensiv, aber eben auch musikpoetisch-magisch anziehend überhöht, in die Stille des Nachklangs entlässt.

Empfohlene Vorgangsweise bei Literaturvertonungen auch hier: Die Textvorlage zunächst still lesen, dann laut, dann vielleicht eine gelesene Profi-Aufnahme anhören, sich den Text vertont vorstellen, die Stimmung, die Atmosphäre für sich persönlich versuchen einzufangen, sich eventuell andere Vertonungen anhören – und sich schlussendlich von Dotas „Angebot“ überraschen lassen. Dota hat sich überall was gedacht, aber sie hat es zu allererst als empfindsame Musikerin gedacht. Und da fasst sich unbeschwert Optimistisches, Sinnierendes, Balladeskes, Chansoneskes, Cabaret, Kunstliedhaftes, Drehorgelspielartiges, sanft Treibendes, keck den Frust Überspielendes, traurig Wiegendes und schemenhaft Treibendes dann doch zum in sich geschlossenen musikpoetischen Komplex dieses vom 20. Jahrhundert so vehement belastend eingebrannten Seelenkreises zusammen.

Die Arrangements der Dota Produktion unterstreichen den persönlichen Charakter, die Psychologie der Lieder beeindruckend. Dota Kehr selbst singt und spielt akustische Gitarre, Jan Rohrbach spielt E-Gitarre und E-Bass, Jonas Hauer das Fender Rhodes Piano, Keyboards und Akkordeon, Janis Görlich Schlagzeug, Matthew Bookert Tuba und Christian Magnusson Trompete und Flügelhorn – letztere drei für Liedermacherproduktionen ungewöhnliche Instrumente, deren Farben aber gerade hier besonders gut passen.

Gastmitwirkende, Duettpartner erhöhen die Aufmerksamkeit, zumal etwa Hannes Wader („Auf eine Leierkastenmelodie“), der sich ja bereits aus dem aktiven Musikerleben zurückgezogen hat. Sie fügen sich alle wunderbar kollegial in die Gesamtatmosphäre ein, außer Wader sind das Francesco Wilking, Uta Köbernick (bei zwei Titeln), Max Prosa, Karl die Große, Konstantin Wecker („Kompliziertes Innenleben“), Alin Coen und Felix Meyer.

Die Gesamtatmosphäre wird beim Durchhören ganz wesentlich von den drei stilistisch verblüffend offenen Instrumentalzwischenspielen des Bandschlagzeugers Janis Görlich geprägt. Unbedingt sei angeraten, das als Einzel CD, als Doppel CD und als Doppel LP veröffentlichte Album schon allein deswegen zumindest einmal komplett durchzuhören – und zwar die Ausgabe mit der Bonus CD (mit einer so netten (!) Überraschung am Ende!), denn geht man es gleich komplett an, kann man sich nachher alles gar nicht mehr ohne die Bonustitel (davon einer auch wieder ein Zwischenspiel) vorstellen.

Dota Kehrs Mascha Kaléko Liederzyklus mit den Instrumentalzwischenspielen von Janis Görlich kann hoffentlich bald auch live vorgestellt werden. Nichts spricht dagegen, ihn in die großen deutschsprachigen Liederzyklen von Schubert über Schumann, Wolf, Mahler, Strauss, Krenek und Schmetterlinge etc. einzureihen.

Dotas Homepage: https://kleingeldprinzessin.de/

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